Menschen bei Maischberger

Conchita Wurst, die AfD und das traditionelle Familienmodell

Ob Transvestit oder Transexueller, ob homo oder hetero: Die sexuelle Orientierung ist längst in den Rang eines Glaubensbekenntnisses gerückt. Sandra Maischberger wollte wissen, welche Folgen das hat.

Foto: ARD

Musste man ein Bier intus haben, um diese Sendung auszuhalten? Sicher nicht, aber es gab einen Diskussionsteilnehmer, der genau dies zuvor befürchtet hatte. Björn Höcke, Chef der konservativen „Alternative für Deutschland“ (AfD), hatte bei einem Auftritt unter Gleichgesinnten in Potsdam deutliche Worte gefunden: In der Sendung gehe es um „Gendermainstreaming und andere Geisteskrankheiten“. Er werde aber, hieß es in den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“, „deutlich machen, dass er ein toleranter Mensch sei – Toleranz komme ja von ‚tolerare‘, ‚ertragen‘. Süffisant merkte er an: ‚Ich ertrage das schon, ich komm da schon durch. Ich kann ja vorher ein Bier trinken.‘“

Sandra Maischberger begann also ihre Sendung mit der nun nahe liegenden Frage, ob Höcke gerade ein Bier getrunken habe. Der wand sich ein wenig, sprach von der „gepfefferten“ Rhetorik, derer man sich auf Wahlveranstaltungen naturgemäß bedienen müsse – und wollte es erst einmal beim Wasser belassen.

Es waren alle da

Es ging um sexuelle Vielfalt in dieser Runde, um die Fülle der Möglichkeiten, seine geschlechtliche Identität zu finden und zu leben – und um die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. Und wenn man sich die Gäste ansah, dann musste man zugestehen, dass Maischbergers Redaktion da eine ordentliche Bandbreite vorzuweisen hatte. Da war die Transvestitin Conchita Wurst, die durch ihren Sieg beim „Eurovision Song Contest“ international bekannt wurde – weil sie in ihrem Auftritt als Diva mit Vollbart klassisch weibliche und klassisch männliche Attribute auf sehr charmante Art mischt (und außerdem gut singen kann). Da war die kinderlose Frauenrechtlerin Alice Schwarzer. Da waren mit Björn Höcke (vier Kinder) und der Theologin Michaela Freifrau Heeremann (sechs Kinder) ein heterosexueller Vater und eine analog orientierte Mutter. Da war mit Alicia King ein Transsexueller, der mit seiner Frau Nicki King an der Côte d’Azur lebt. Und da war mit Johannes Zeller ein schwuler Vater, dessen Sohn von einer thailändischen Leihmutter stammt, der die Eizelle einer Spenderin implantiert wurde.

Viele Gäste also, viele Lebensentwürfe. Und verdienstvollerweise verwendete die Sendung einen Großteil ihrer Zeit darauf, diese Lebensentwürfe zu beschreiben und verständlich zu machen: Wie also etwa die Kunstfigur Conchita Wurst entstanden ist, warum ein heterosexueller Mann sich Brüste implantieren lässt, vor welche Schwierigkeiten ein homosexuelles Paar mit Kinderwunsch gestellt ist. Das hatte aber leider auch zur Folge, dass die politisch umstrittenen Fragen rund um die sexuelle Orientierung – die schulische Sexualerziehung, das Eheschließungs- und Adoptionsrecht, die Halblegalität von Leihmutterschaft, die konservativen Vorbehalte gegenüber nichttraditionellen Familienmodellen – nur am Rande gestreift werden konnten.

Zuviel Sex?

So sahen die Theologin Michaela Freifrau Heeremann und Björn Höcke von der AfD erwartungsgemäß in den Schulen die Gefahr einer Übersexualisierung der Kinder und eine Störung ihrer Identitätsbildung, wenn die Optionen sexueller Orientierung allzu umfassend in die Lehrpläne aufgenommen werde. Irritierenderweise begann die Katholikin Heeremann sogleich von „Anal- und Oralverkehr“ als Unterrichtsstoff zu sprechen und von nachgebauten Bordellen, mit denen sich unmündige Schüler im Zuge falsch verstandener Sexualpädagogik zu befassen hätten. Es war hier die sonst gern aufbrausende Alice Schwarzer, die ein wenig Dampf aus dem Kessel ließ: Es gehe einmal abgesehen von krassen Einzelbeispielen in der Schule doch darum, dem Kind die fließenden Grenzen der Sexualität zu zeigen. Doch wie viele andere konnte dieser Streitpunkt nicht weiter ausgefochten werden.

So war es auch mit der Leihmutterschaft. Sie stellt ja auch insofern einen interessanten Fall dar, als auch prononcierte Befürworter eines homosexuellen Adoptionsrechts wie Alice Schwarzer dagegen jene biologisch-deterministischen Argumente ins Feld führen, die sonst der konservativen Seite vorbehalten sind. Denn entsteht nicht in den neun Monaten einer Schwangerschaft eine enge emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind, die zu trennen eine schwere Belastung bedeutet, und zwar für beide? Sowohl Heeremann als auch Schwarzer äußerten diesen Einwand, dem man ja noch den Verdacht hinzufügen kann, dass Leihmütter in Entwicklungsländern sich aus finanziellen Gründen dazu gezwungen sehen.

Aber auch hier mochte Maischberger nicht länger verweilen. AfD-Mann Björn Höcke, der so viel mit dem Kindeswohl und seinen Gefährdungen argumentierte, musste sich am Ende vom schwulen Familienvater Zeller noch eine Frage stellen lassen: „Warum setzen sie sich eigentlich nicht für mein Kind ein?“ Die Antwort wäre sicher interessant ausgefallen, aber für sie war die Sendung leider zu kurz.