Hart aber fair

Nach dem Varoufakis-Eklat - „Die Stimmung kippt“

Ein Stinkefinger und ein Video: Am Tag nach dem Auftritt von Yanis Varoufakis bei Jauch kam Frank Plasberg daran nicht vorbei. Aber es ging um mehr: Um die Schuld der Griechen – und der Deutschen.

Foto: ARD

Natürlich ging es am Anfang um das Video, das die Medien und die Politik tagsüber beschäftigt hatte. Um den Auftritt des heutigen griechischen Finanziministers Yanis Varoufakis in Zagreb 2013 also, bei dem er, auf die Kreditgewährung für Griechenland 2010 zurückblickend, anmerkte, man habe den Deutschen damals besser „den Finger zeigen“ und sich in die Staatspleite verabschieden sollen. Ob Varoufakis mit seiner Behauptung, es habe sich bei diesem Video um eine Fälschung gehandelt, bewusst log, blieb nur kurz Thema bei Frank Plasberg – erfreulicherweise, möchte man sagen, denn es stehen wichtigere Fragen zur Diskussion.

SPD-Fraktionsvorsitzender Thomas Oppermann bemerkte denn auch gleich, ihn störe weniger die Geste als vielmehr die dahinter stehende Haltung: „Wenn ein Staat Schulden übernimmt, dann übernimmt er auch die Verantwortung“. Er zeigte sich verstört über die bedenkenlose Haltung, sich auf dem Weg des Bankrotts einfach aus der Haftung zu stehlen. Das bliebe auch bei der Bevölkerung nicht unbemerkt: „Die Stimmung kippt“, sagte Oppermann.

Das ähnelte der Position des Chefredakteurs von „bild.de“, Julian Reichelt, der ebenfalls einräumte, es handele sich bei der Frage nach dem Finger um ein Nebengleis – auch wenn in Varoufakis’ Umgang damit ein „Hang zu abstrusen Verschwörungstheorien“ und ein „verstörender Umgang mit Realitäten“ zum Audruck komme. Politikberater Michael Spreng ergänzte noch, dass er nicht den Eindruck habe, Varoufakis, der „lieber mit seiner Frau auf der Terrasse“ posiere, würde die Probleme ernsthaft anpacken. Damit war die Stinkefinger-Debatte auch schon abgehakt, wenn auch sicherlich auf Wiedervorlage.

Hektik und Dramatik

Es ging um viele Aspekte der Euro-Krise in dieser Sendung, die manchmal den Eindruck einer gewissen Atemlosigkeit vermittelte. Von vielen davon hat man im Lauf der letzten Wochen, manchmal auch Monate und Jahre durchaus häufiger gehört: Soll Griechenland den Euro-Raum verlassen? Betreibt die „Bild“-Zeitung eine antigriechische Kampagne auf Kosten der politischen Verständigung? Ist Deutschland Griechenland gegenüber zu Reparationszahlungen verpflichtet? Bei sechs Gästen (außer den Genannten noch die Linken-Vorsitzende Katja Kipping, der deutsch-griechische Politiker Jorgo Chatzimarkakis und der Ökonom Hans-Werner Sinn) und bei dem Ehrgeiz der Redaktion, möglichst viele Einspieler mit „Faktenchecks“ und ähnlichen Zusatzinformationen zu zeigen, kann Atemlosigkeit in dieser Sendung gar nicht vermieden werden – und das scheint auch beabsichtigt zu sein. Vielleicht kennt man bei „Hart aber fair“ den Unterschied zwischen Hektik und Dramatik nicht so genau oder hält beides für dasselbe.

So blieben die Statements zu den genannten Fragen im Rahmen dessen, was man in der Kürze der Zeit von den Gästen erwarten konnte. Dass Hans-Werner Sinn den „Grexit“ befürwortet, dass er in einer darauffolgenden Abwertung der Drachme eine Chance für griechische Prosperität erkennt – das hat er schon in vielen Interviews verlauten lassen. Dass Thomas Oppermann dagegenhielt mit dem Argument, ein „Grexit“ werde eine eklatante Schwäche Europas offenbaren, war auch nicht eben verblüffend und neu. Auch Chatzimarkakis sähe in einem Austritt Griechenlands, den Sinn so nachdrücklich bewarb, für einen schweren Fehler.

Entfremdung der Politik?

Und die antigriechische Kampagne, die der „Bild“ vorgeworfen wird? „Bild.de“-Chef Reichelt wies darauf hin, dass sich seine Zeitung mit ihrem „Nein“ eben nicht gegen Griechenland, sondern gegen die überwältigende Mehrheit im Deutschen Bundestag gewendet habe, den Griechen noch weitere Kredite zu gewähren. Er konstatierte eine gefährliche Entfremdung der Politik von der Stimmung im Land. Michael Spreng, der einmal selbst Chefredakteur der „Bild am Sonntag“ war, widersprach: Er meint in Formulierungen wie „Pleite-Griechen“ durchaus ein gegen die Griechen gerichtetes Ressentiment zu spüren.

Drittens schließlich: Die Frage nach den Reparationen. Dass die Deutschen als Besatzungsmacht eine historische Schuld gegenüber Griechenland auf sich geladen haben, war Konsens in der Runde – ebenso aber auch das Unbehagen daran, die Euro-Krise mit dieser Frage zu verknüpfen. „Die historischen Verbrechen der Nazis haben kein Verfallsdatum“, sagte Oppermann – und legte damit zugleich nahe, das Thema separat und zu einem späteren Zeitpunkt zu behandeln.

Europaweite Kontrollen

So blieb es in einer insgesamt verfahrenen Sendung nur bei vorbeihuschenden Schlaglichtern auf ein sehr komplexes Problem. Vieles wurde nur an- und nicht durchdiskutiert. Die Forderung Katja Kippings etwa, europaweit stärkere Kapitalkontrollen einzuführen, könnte mit allem Für und Wider Gegenstand einer ganzen Sendung sein – gestern aber mochte niemand darauf eingehen. Es gab ja so vieles zu besprechen. Zu vieles.