Günther Jauch

Yanis Varoufakis und der angeblich gefälschte Stinkefinger

Ist das Video mit dem ausgestreckten Mittelfinger eine Fälschung? Griechenlands Finanzminister machte die Runde sprachlos, als er das behauptete. Er hatte in der Sendung schwere Vorwürfe zu parieren.

Foto: ARD/Günther Jauch

Der verblüffendste Moment in dieser Sendung führte dazu, dass Günther Jauch kurz die Gesichtszüge entgleisten. Es ging um ein Video, das 2013 in Zagreb entstand. Es hat schon im Netz, vor allem in den sozialen Netzwerken für einiges Aufsehen gesorgt und ist hierzulande oft zu einer Art Sinnbild erklärt worden für die griechische Haltung gegenüber Deutschland.

In dem Video ist Yanis Varoufakis zu sehen, der damals noch nicht als griechischer Finanzminister, sondern als Ökonomieprofessor der Universität Athen sprach. Es ging um die Kredite, die Griechenland im Jahr 2010 gewährt wurden. Varoufakis hält die Entscheidung für diese Kredite für einen historischen Fehler, davon ist er bis heute nicht abgerückt.

Schon damals führte er aus, man hätte 2010 – wie etwa auch Argentinien – besser den Weg in die Staatspleite gewählt und Deutschland, wie er es formulierte, „den Finger gezeigt“. In dem Video ist klar zu sehen, wie er den linken Arm anwinkelt und den Mittelfinger ausstreckt.

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Verblüffend war nun, dass der Yanis Varoufakis des Jahres 2015 behauptet, es handle sich bei dem Video um eine Fälschung. „It is doctored“, sagte er, von Jauch darauf angesprochen: Es wurde bearbeitet. In der allgemeinen Verwirrung um diese Behauptung ging leider unter, dass Günther Jauchs Redaktion zuvor mit dem Video einen sachlich falschen Eindruck erweckt hatte – dass es sich nämlich um die aktuelle Haltung des griechischen Finanzministers gegenüber dem immensen Schuldenberg seines Landes handle – und eben nicht um eine zwei Jahre alte Kritik an einem vor fünf Jahren gewährten Kredit. Andreas Cichowicz, der beim NDR zuständige Redakteur, räumte das auf Twitter gegenüber dem Medienjournalisten Stefan Niggemeier auch gleich ein:

Im sozialen Netzwerk machte die Frage nach einer Fälschung Furore, der Name von Andreas Cichowicz rutschte kurzzeitig sogar auf Platz 1 der Deutschland-Trends. Nach einer Weile gelang es, den Kameramann ausfindig zu machen, der Varoufakis damals in Zagreb gefilmt hatte:

Was auch immer man nun glauben will oder nicht: Die Frage wird sicherlich in den nächsten Tagen noch hinreichend für Gesprächsstoff sorgen. Und das ist ein wenig schade, denn natürlich ging es in der Sendung auch um gewichtige inhaltliche Fragen. Varoufakis zeigte sich eingangs verstört darüber, wie sehr in der Debatte um die Euro-Krise mit nationalen Stereotypen gearbeitet werde. Es gebe „die Griechen“ ebensowenig wie es „die Deutschen“ gebe. Relativ schnell landete er bei seiner Generalkritik an der Troika aus Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds. So weit, so bekannt.

Der Journalist und ehemalige Intendant des Deutschland-Radios, Ernst Elitz, zeigte sich verwundert. Der griechische Finanzminister habe wohl Weichspüler getrunken oder Kreide gefressen, anders seien seine sanften Töne nicht zu verstehen. Die 2010 gewährten Gelder seien einfach in schwarzen Löchern verschwunden. Nein, erwiderte die Wirtschaftskorrespondentin der „taz“, Ulrike Herrmann. Die Kredite seien im wesentlichen deutschen und französischen Banken zugute gekommen, die im Fall einer griechischen Staatspleite in Haftung genommen worden wären. Sie gab Varoufakis Recht.

Koalitionen und Souveränität

Danach war es an Bayerns Finanzminister Markus Söder, sich einen bemerkenswerten Wortwechsel mit Varoufakis zu liefern. Er beklagte die Beleidigungen, die von griechischer Seite gegenüber deutschen Spitzenpolitikern geäußert worden seien. Außerdem zeigte er sich verständnislos gegenüber der Tatsache, dass Varoufakis’ Syriza-Partei eine Regierungskoalition mit dem Rechtspopulisten Panos Kammenos eingegangen sei. Varoufakis konterte mit der Bemerkung, es habe zum einen keine Beleidigungen gegeben. Und zum anderen sei es doch ein merkwürdiger Vorgang, über Ländergrenzen hinweg und ungeachtet nationaler Souveränität Koalitionsempfehlungen auszusprechen: „Ich würde das bei Deutschland auch nicht tun“, sagte er. Söder schwieg dann lieber dazu.

Aber Jauch nicht. Er erinnerte an Kammenos’ in der Tat irritierende Bemerkung, Griechenland könne seine Migranten, darunter möglicherweise auch IS-Terroristen, ja an Deutschland weiterreichen. Auch hier zeigte sich Varoufakis vergleichsweise gelassen: Er könne nicht beurteilen, ob es eine solche Äußerung gegeben habe – aber in Koalitionen, das wisse man doch sicher auch bei der CSU in Deutschland, sei es nun eben nicht immer möglich, mit einer Stimme zu sprechen und den Partner zum Stillhalten zu verpflichten.

Euro-Krise und Reparationen

Blieb die ungeklärte Frage der Reparationen, die in den letzten Tagen für Aufregung gesorgt hat. Ist Deutschland trotz des Londoner Abkommens und der 2+4-Verträge Griechenland aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs noch etwas schuldig? Die griechische Regierung scheint diese Position zu vertreten, und sie muss juristisch geklärt werden. Einig zeigte sich die Runde darin, dass die Verbindung von Reparationen und Euro-Krise ungünstig sei und die Frage besser zu einem späteren Zeitpunkt geklärt werden müsse.

Und kann Griechenland nun zahlen? Ulrike Herrmann verneinte das rundheraus. Dem zugeschalteten Varoufakis, dem die Dauer der Übersetzung manchmal dramatische Pausen schenkte, versicherte nach einer solchen, sein Land werde alles tun, „um jeden Euro zurückzuzahlen“. Voraussetzung dafür sei allerdings Wachstum in seinem Land – und eine Kopplung der Schuldenrückzahlung an die griechische Konjunktur. Ihm gelang an diesem Abend bei Günther Jauch ein bemerkenswert souveräner Auftritt.