Hart aber fair

„Ein Glück, dass die Flüchtlinge zu uns gekommen sind“

Mehr als 300.000 Asylbewerber werden in diesem Jahr in Deutschland erwartet. Wie geht man mit ihnen um? Haben wir schon zu viele von ihnen aufgenommen? Bei Frank Plasberg ging es auch um die Chancen.

Die Flucht der Zohre Esmaeli dauerte ein halbes Jahr und ging um den halben Erdball. Sie war 13 Jahre alt, als ihr Vater beschloss, mit seiner Familie Afghanistan zu verlassen. Ende der neunziger Jahre regierten in dem Land noch die Taliban. Die Tochter musste sich verschleiern. Die Familie floh zuerst im Frachtraum eines Lkws in den Iran. Über Turkmenistan und Kasachstan gelangten sie nach Moskau. Es wurde Winter, die Familie musste sich teilweise zu Fuß weiterbewegen. Aber nach sechs Monaten kamen sie tatsächlich in Deutschland an.

Esmaeli arbeitet heute als Model und hat ein Buch geschrieben - „Meine neue Freiheit“. Gestern war sie zu Gast bei „hart aber fair“. Sie erzählte, wie sie in Deutschland endlich ihren Schleier ablegte. Er flog aus dem Fenster des Lkws, mit dem sie über die Grenze gefahren war.

Eine Frage des Grundgesetzes

Esmaeli hat ihren Weg in Deutschland gemacht. Ein Vorbild? In diesem Jahr werden 300.000, vielleicht 400.000 Asylbewerber in Deutschland erwartet. Sie fliehen vor dem Krieg aus Syrien und sie fliehen vor der Armut aus Afrika und aus dem Kosovo. Doch: „Wie willkommen sind sie wirklich?“ Das war die Frage in Frank Plasbergs Talkrunde. „Es sind sehr sehr viele darunter, die allein aus finanziellen, aus wirtschaftlichen Gründen kommen. Die jedenfalls nicht politisch, religiös oder rassistisch verfolgt sind“ und die deswegen auch gar keinen Anspruch auf Asyl hätten, sagte der bayrische Innenminister Joachim Herrmann. Und: „Wenn nur die, die entsprechend unserem Grundgesetz Anspruch auf Asyl haben, in unser Land kämen, hätten wir viel mehr Platz.“ Wem wir wirklich helfen müssten, meinte Hermann weiter, das seien die Jesiden im Irak und die Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien. Unser deutsches Asylgesetz sei nicht dafür da, dass jemand aus Bosnien-Herzegowina oder dem Kosovo hierherkomme und versuche, hier mehr Geld mitzunehmen.

Der „Stern“-Autor Walter Wüllenweber wagte einen optimistischen Ausblick in die Zukunft: „Ich glaube, wir diskutieren im Moment aus der Perspektive, dass wir immer so tun, die Flüchtlinge sind eine Belastung für Deutschland. Ich bin überzeugt davon, in zehn, 15 Jahren, wenn wir zurückblicken, werden wir sagen, das war eine Riesenchance für Deutschland und das war eine große Bereicherung und das war ein großes Glück, dass die Menschen zu uns gekommen sind.“

Tatsache ist aber auch, dass das Thema zu gegensätzlichen Positionen reizt. Wenn es eine Willkommenskultur gibt, gibt es dann auch so etwas wie eine Ablehnungskultur?, fragte Moderator Plasberg und präsentierte eine Allensbach-Umfrage. Danach sagen 24 Prozent der Deutschen, sie seien grundsätzlich bereit für eine Bürgerinitiative gegen ein Flüchtlingsheim zu unterschreiben, wenn es in ihre Stadt kommt.

Das Beispiel Burbach

Wie sich so ein Zusammenleben auf einen Ort auswirken kann, wurde an dem Beispiel der nordrhein-westfälischen Stadt Burbach gezeigt. Etwa 500 Flüchtlinge leben dort und manchen Alteingesessenen passt das nicht. Die Asylanten hätten keinen Anstand und könnten sich nicht benehmen, erklärte ein Einwohner. Nicht alle, aber sehr viele. Manche Eltern sollen ihre Kinder nicht mehr alleine aus dem Haus lassen.

Wie lässt sich das lösen? Zohre Esmaeli, die als Mädchen aus Afghanistan floh, hatte einen Ansatz: „Nicht nur die Flüchtlinge müssen sich auf ein Zusammenleben in der Gesellschaft vorbereiten, auch die Gesellschaft muss sich vorbereiten. Das ist eine Arbeit von Integrationspolitik und Gesellschaftspolitik.“ Die Willkommenskultur sei in der Willkommenstechnik stehen geblieben.