ZDF-Drama

Als der Kalte Krieg ein kleines Dorf in der Mitte teilte

Zeitgeschichte als Grenzfall: Der ZDF-Dreiteiler „Tannbach“ erzählt vom Beginn der deutsch-deutschen Teilung. Die Saga ist prominent besetzt mit Heiner Lauterbach, Nadja Uhl und Nathalia Wörner.

Von Felix Müller

Foto: ZDF / ZDF/Stephan Rabold

Eine Kamerafahrt über eine Landkarte. Aus den Schwarzweiß- und Sepiatönen leuchtet eine rote Demarkationslinie heraus. Dramatische Streicher und ein einsamer, klagender Fagott beschwören das Pathos einer versunkenen, fast prähistorisch anmutenden Zeit. Musikalisch und bildästhetisch nimmt der Vorspann zum ZDF-Dreiteiler „Tannbach“ erkennbare Anleihen bei der HBO-Serie „Game of Thrones“, die in einer fiktiven Welt des Mittelalters spielt und bevölkert ist von Drachen, lebenden Toten, Wildlingen und anderen Fabelwesen. „Tannbach“ handelt dagegen von einer Zeit, die es wirklich gegeben hat. Und doch gibt es mehr Parallelen, als man glauben würde.

Denn in einem kleinen Dorf an der bayerisch-thüringischen Grenze hat sich 1945 und in den folgenden Jahren abgespielt, was uns heute wie das Epos eines Fantasy-Autors erscheint. Mödlareuth heißt der Flecken mit damals etwa 50 Einwohnern. Die Wirren der Nachkriegszeit machten ihn zum deutsch-deutschen Grenzort, in dem sich Amerikaner und Sowjets an Schlagbäumen gegenüberstanden wie in der weit entfernten ehemaligen Reichshauptstadt Berlin. Der Grenzfluss Tannbach gibt dem Ort im Film der Autoren Josephin und Robert von Thayenthal und des Regisseurs Alexander Dierbach den Namen. Man muss diese Kleinserie schon jetzt zu den Fernsehereignissen des Jahres rechnen.

Und das liegt nicht nur daran, dass am 8. Mai 2015 die deutsche Kapitulation 70 Jahre her sein wird und der Film gewissermaßen der Startschuss ist für den zugehörigen Gedenkdauerlauf. Es geht vielmehr darum, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender hier seine Befähigung zum epischen, anspruchsvollen Erzählen unter Beweis stellt, wie es amerikanische Serien wie „Game of Thrones“ schon längst paradigmatisch vorführen. Gewiss, das geschieht in deutlich bescheidenerem Maßstab. Ein großer Hoffnungsschimmer ist es dennoch – noch größer sicherlich als der 2013 ausgestrahlte, ebenfalls dreiteilige Film „Unsere Mütter, unsere Väter“, dem dieser Film wohltuende Abstriche in der Melodramatik voraus hat.

Prominente Besetzung

Bei der Besetzung hat man sich um Prominenz bemüht. Heiner Lauterbach taumelt als adliger Großgrundbesitzer Georg von Striesow durch die Szenerie. Er versteckt sich zunächst als Deserteur in einer Waldhütte und sieht dann hilflos und zaudernd die Exekution seiner Frau Caroline (Nathalia Wörner) mit an. Lauterbach, den wir vielleicht zu oft in virilen und präpotenten Rollen gesehen haben, spielt hier eine ganz erloschene Existenz, dem Zerfall näher als dem Leben – und liefert die vielleicht beste schauspielerische Leistung seiner Karriere ab. Nadja Uhl ist als Schneiderin Liesbeth Erler zu sehen, die mit ihrem leiblichen Sohn und einem jüdischen Ziehsohn in Tannbach lebt. Und Alexander Held, von jeher auf Schurkenrollen abonniert, ist als opportunistischer Ex-Nazi Franz Schober zu sehen.

Und die Drachen, die Wildlinge, die lebenden Toten? Sie kommen allesamt vor in diesem Dreiteiler, wenn auch in Gestalt realer Menschen. Die Drachen, das sind die Gestapoleute und letzten Führergläubigen, aber auch die Stasiknechte, denen der Befehl mehr gilt als die menschliche Geste. Die Wildlinge, das sind die die Pioniere und Bauern, die nach der Zwangsenteignung auf neu zugeteiltem Land ein neues Leben zu beginnen versuchen – und schnell an die Grenzen des sozialistischen Projekts stoßen. Und die lebenden Toten, die Millionen von Opfern des Krieges und der Konzentrationslager: Auch sie streifen durch diesen wichtigen Film – als traurige Gespenster der deutschen Geschichte.

ZDF, 4., 5., 7. Januar, jeweils 20.15 Uhr