Günther Jauch

Warum AfD-Chef Bernd Lucke „Pegida“ beeindruckend findet

In Dresden demonstrierten 10.000 Menschen gegen die „Islamisierung des Abendlandes“. Das ist seltsam, denn in Sachsen gibt es kaum Muslime. Worum geht es also? AfD-Chef Bernd Lucke hatte Antworten.

Foto: ARD

Wenn es um Pegida geht – um jenes Aktionsbündnis also, das unter dem etwas pathetischen Namen „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ zuletzt 10.000 Menschen auf die Straße gebracht hat –, dann lautet die erste Frage immer noch: Wer sind die eigentlich? Wer demonstriert da und warum? Sind das alles Rechtsradikale? Welche Ziele verfolgen sie?

Diese Fragen stellten sich auch bei Günther Jauch am Sonntagabend, und die Antworten fielen vielstimmig aus. Jens Spahn, Abgeordneter des Bundestages und Mitglied des CDU-Parteipräsidiums, mochte sich nicht abfinden mit der pauschalen Diagnose, es handle sich hier lediglich um „Nazis in Nadelstreifen“. Er sieht vor allem eine politische und soziale Verunsicherung am Werk, die die Dämonisierung einer Weltreligion begünstige. Spahn lag sich recht schnell mit Bernd Lucke in den Haaren, dem Chef der euro- und zuwanderungsskeptischen „Alternative für Deutschland“ (AfD). Spahn verglich ihn und seine politische Agenda mit „einem Stück Seife, das immer wieder wegglitscht.“

Tendenziöser Journalismus?

Tatsächlich war schwer festzustellen, wie sich die AfD gegenüber der Protestbewegung positionieren will. Einerseits, sagte Lucke, sei er immer skeptisch gewesen bei dem etwas pathetischen Namen der Initiative. Andererseits aber habe er sich die Demonstrationen dann genauer angesehen und sei „durchaus beeindruckt“ gewesen. Er bezog sich auf ein in Pegida-Kreisen kursierendes Positionspapier, das sich aus seiner Sicht differenziert und fair mit aktuellen politischen Problemen auseinandersetze – und weit davon entfernt sei, den Islam als Ganzes zu verurteilen.

Da blieben dann doch viele Fragen offen. Etwa die, wie Lucke dazu steht, dass die Initiatoren der ganzen Sache entweder auf eine kriminelle Vergangenheit zurückblicken oder sich schon des öfteren mit verfassungsfeindlichen Äußerungen hervorgetan haben. Lucke sah hier eher eine tendenziöse, weil selektive Berichterstattung der Jauch-Redaktion am Werk und gab vor, darüber nichts zu wissen. Für jemanden, der sich mit dem Thema eingehend beschäftigt haben will, war das eine etwas seltsame Antwort.

Das Kalkül rechts von der Union

Die der wie immer klug argumentierende Politikberater Michael Spreng gleich einordnen konnte. Denn natürlich geht es der AfD nun darum, neben der Euroskepsis weitere Politikfelder bürgerlicher Verunsicherung aufzuspüren, die ihr es ermöglichen, gegenüber der Union an Profil zu gewinnen. Nur deshalb das kakophone Konzert in den Reihen der AfD, in dem neben den gemäßigten Tönen auch immer wieder irritierend fremdenfeindliche Missklänge zu hören sind.

Politikprofessorin Gesine Schwan warnte davor, die „Mitte der Gesellschaft“, die in Dresden mitmarschiere, als allzu harmlos zu bewerten. Gerade die mittleren sozialen Schichten hätten ja schon mehrfach den Aufstieg radikaler Bewegungen begleitet. Ein kluger und beunruhigender Gedanke.