Aufzeichnung in Berlin

Zwischen Sex und Keuschheit - Der Helene-Code ist geknackt

Helene Fischer ist das deutsche Pop-Enigma. Wie und warum funktioniert sie? Bei der Aufzeichnung zur „Helene Fischer Show“ bekam das Publikum im Berliner Velodrom am Donnerstag endlich Antworten.

Foto: FABRIZIO BENSCH / REUTERS

Erster Akt. Zunächst ist da ihr Körper. So wahnsinnig zierlich, dass kein Platz für Wahnsinn ist. Fischer, das ist eine maßvolle, eine kontrollierte Frau in einem weißen, ihr auf dem Leib genähten Anzug, fast perfekt, nur am Gesäß, da sitzt er nicht. Vielleicht soll er das nicht. Denn Fischer, das ist der magere Gegenentwurf zum üppigen Amerika-Pop.

Ihr Anzug ist weiß, er sagt, seine Trägerin, die lässt sich nichts zu Schulden kommen, sie ist Austerität und Askese. Weiß, es ist die Farbe, die die Interpretin am häufigsten trägt, in ihrer gesamten Karriere und in dieser Show, denn sie erfüllt eine wichtige Funktion des Prinzip Fischer: Sie ist ihr Schutzumschlag.

Unter dem Kaltweiß-Geschneiderten steckt Kontrastmaterial: Ein hübsch gebräuntes Gesicht, Smokey Eyes und platinblondes Haar. Das Perpetuum mobile Fischer speist sich aus der Spannung einer knallblonden, knallbraunen Sängerin, einer, bei der man an Sex und Schmutz denken will, aber sie lässt einen nicht. Zu rein. Sie ist eine ewige Erregungsschleife, die in die Irre führt, denn sie tut alles, um ihre Sexualität zu negieren, ja, sie sogar ins Lächerliche zu ziehen.

Peter Maffay: „Helene, ich habe dich lieb“

Es beginnt, wenn sie mit dem drei Ellenlängen kleineren Peter Maffay singt, und er ihr sagt: „Ich will dir etwas sagen, das ich noch keiner Frau gesagt habe: Ich habe dich lieb.“ Mehr verkasperletheaterisierter Eros geht nicht, denkt man, aber weit gefehlt, der ZDF-Regisseur Frank Hof – er wird dem Publikum des Berliner Velodroms gleich im ersten Akt vorgestellt, als 5000 Menschen ersucht sind, ihm ein Geburtstagsständchen zu singen – steigert das Minuskontingent Sex mit fast jedem Duett.

Auf Maffay folgt kein Mann mehr, noch nicht mal ein Mensch, da folgt ein anthropomorphes Monster. Shrek. Fischer gibt seine Fiona, singt mit ihm „I'm a Believer“ von den Monkees. Aber es geht noch asexueller, Hof hat das wirklich einmalig orchestriert. Auf das Monster folgt eine Schildkröten-Handpuppe. Josie, die bauchredende Heliumstimme des vermutlich tragisch verhinderten Sesamstraßen-Puppenspielers Sascha Grammel. Seine Schildkröte singt im Brautkleid, Fischer neben ihm, Bräutigam ersetzend im schwarzen Abendkleid.

„Ich will dein Freund sein“: Es ist ein Lied, wie die Beziehung zweier Diddl-Postkartensammler, die sich durch zu große Vertrautheit im zahnschmerzend verzuckerten Hasi-Mausi-Bärli-Land verloren hat. Jetzt geht es nicht kindlich-unschuldiger. Zeit für einen Paradigmenwechsel.

Sex schreien, Keuschheit meinen

Akt 2. Das Motiv wird enthüllt. Die obligatorische Akrobatiknummer am Trapez gibt Fischer als Britney Spears. „Oops I Did It Again“. Sie wissen schon, der rote Latex-Anzug im Raumschiff. Fischer turnt ebenfalls in Ganzkörper-Rot zu Justice durchs All. Spears, sie sollte damals zu Anfang ihrer Karriere nach dem gleichen Prinzip funktionieren: Sex schreien, aber Keuschheit meinen. Das Bleistift kauende Schulmädchen, die Jungfrau mit Hüfte in – Hoppla! – Latex. Es ist der Gegensatz, die Spannung, die der mehrfachen Mutter Spears heute fehlt, es ist einer der Gründe, warum sie heute nicht mehr funktioniert. Fischer, die Ehrgeizige, aber, sie funktioniert, sie übertreibt das Spearsche Modell.

Denn dann, es ist noch heiß in den ersten Reihen, es riecht noch nach der Pyro eines weiteren Maffay-Auftritts, ist es Zeit für die Klimax. Helene trägt einen Leopardenprint-Bleistiftrock zum ledernden Bauchfreitop – optisch optimal verkurvt muss ihr Duettpartner nun maximal asexuell sein. Wer oder was könnte das sein? Ein Kinderchor? Zu einfach. Besser, ambivalenter: eine Nonne.

Sie heißt Schwester Cristina, hat „The Voice of Italy“ gewonnen, und gemeinsam mit Fischer schmettert sie Cyndi Laupers „True Colours“ - Dein wahres Gesicht. Ein perfektes Stichwort: Fischer fragt die Nonna, ob das vereinbar wäre, das Ordensschwester- und Popsängerin-Sein, und Cristina sagt ja und Helene nickt, und – Hoppla! – da ist sie, die Offenbarung, das Eingeständnis des Konzepts: Nonne und Sängerin, keusch und Cyndi Lauper zugleich. Helene Fischer, das ist Ehrgeiz, Disziplin und Pflichtbewusstsein, das ist das CDU wählende Deutschland manifestiert in einer singenden Person. Und die „Helene Fischer Show“, das ist das dazugehörige Hochamt.

Die Helene Fischer Show, 25.12, ZDF, 20:15 Uhr