„Mein Berlin, dein Berlin“

Wie Promis ihre Jugend im geteilten Berlin erlebten

Der Film „Mein Berlin, dein Berlin“ erzählt mit herrlichen Bildern von der Jugend in einer geteilten Stadt. Auf der einen Seite die DDR, auf der anderen Seite eine westdeutsche Insel.

Foto: rbb

Das große, weiße Haus in der Hermann-Hesse-Straße war einmal eine Insel. „Da draußen war die DDR, wie sie wirklich war“, sagt Andrej Hermlin. Sein Blick schweift durch das Zimmer. „Und hier drin war sie, wie sie hätte sein können.“

Andrej Hermlin ist Swing-Musiker und er ist der Sohn des Schriftstellers Stephan Hermlin. In seinem Wohnzimmer trafen sich die Denker der DDR, wie Stephan Heym oder Christa Wolf. Von ihrer Zeit sind ein paar Möbel geblieben, die sich nun mit den neuen mischen, und die Erinnerung des Kindes, das mit ihren Gesprächen aufwuchs. Das Haus habe ihn gerettet nach dem Tod seines Vaters, erzählt Hermlin. Heute lebt er selber hier mit seiner Familie. „Mein Sohn ist jetzt ich, und ich bin mein Vater“, sagt er. „Die Bilder verschwimmen.“

Hermlin sagt diese Sätze zur Schauspielerin Meret Becker. Sie hat ihm vorher den Ort gezeigt, der in ihrer Jugend besonders wichtig war: Das Metropol am Nollendorfplatz. Sie ist mit ihm durch die leeren, auf edel renovierten Räume gegangen und hat erzählt, wie sie sich mit 12 Jahren unter den Tischen versteckte und zu Punk tanzte. Das ist die Idee des Films „Mein Berlin, dein Berlin“. Ein Ost-Berliner zeigt einem West-Berliner die Stadt seiner Kindheit, und andersrum.

Sechs Berliner Ost-West-Paare lernt man kennen

Es ist eine schöne Idee, die Jens Staeder und Tim Evers da gehabt haben. Sechs Berliner lernt man so ein bisschen näher kennen. Die anderen beiden Ost-West-Paare sind Christian Lorenz, genannt Flake, Keyboarder der Bands Feeling B und Rammstein und Hagen Liebing, der mal Bassist bei den Ärzten war, und jetzt Journalist ist, sowie der Schauspieler Barnaby Metschurat und die Autorin und Journalistin Marion Brasch. Und man sieht viel von der Stadt. Nicht nur, weil die Kamera die Paare begleitet, sondern auch, weil Evers und Staeder ihre Aufnahmen mit allerlei historischem Bildmaterial bereichern. So fährt man nicht nur durch Berlin sondern auch durch die Zeit, untermalt durch jede Menge Musik.

Marion Brasch hat in der Berufsschule Rudi Arndt Schriftsetzerin gelernt. In das Backsteingebäude in der Michaelkirchstraße sind heute schicke Büros eingezogen. Im obersten Stock, wo sie die coolen Jungs ein Jahr über ihr beim Disco-Abend anhimmeln konnte, ist alles durchrenoviert. „Ich kam aus einem Neubaugebiet“, sagt Brasch „die Leute hier waren eine Ecke interessanter, ein Schmelztiegel der künstlerischen Elite.“ Auch Leander Haußmann und Katja Lange-Müller waren in der BSS Rudi Arndt in der Lehre.

Erste Konzerte auf den Dachböden

In Friedenau beschäftigte sich währenddessen Hagen Liebing im „Shizzo“ damit, Bandnamen zu erdenken und Logos zu entwerfen. Das war meist wichtiger als die Songs der Band, die man gründen wollte. Dafür hatte man ja auch später Zeit. Als die Mauer fiel, war das für ihn erstmal nicht so ein großes Ding. „Lass uns da mal rüber fahren und schauen, was da ist“, haben sie damals zueinander gesagt, erzählt er. Es ist unklar, ob sie dann auch wirklich gefahren sind. Es waren die späten Achtziger in West-Berlin und wer 15 war beschäftigte sich im allermeisten Falle damit, Mercedes-Sterne abzubrechen und nicht Systemen beim Verfall zu zusehen.

Flake wiederum ist in der Nähe der Dimitroffstraße aufgewachsen, die jetzt Eberswalder Straße heißt. Auf den Dachböden gaben sie ihre ersten Konzerte, bis die Polizei gegen die Ruhestörer die Treppen hochgekommen wäre, wären die längst über die Dächer weggeflitzt gewesen. Auch sonst hielten sich Flake und seine Freunde gerne auf den Häusern auf. „Da saß man dann eine Stunde, einfach, um sich frei zu fühlen“, sagt Flake und an Sätzen wie diesen merkt man, dass es in „Mein Berlin, Dein Berlin“ gar nicht nur um eine Stadt geht, oder um zwei, sondern auch ganz einfach um Jugend.

Berlin, eine Stadt, die sich im Zeitraffer wandelte

Schon alleine das wäre ein spannender Film geworden, den man vielleicht auch in Düsseldorf drehen könnte oder in Hamburg. Denn auch dort wuchsen die Menschen in unterschiedlichen Stadtteilen auf. Aber die Regisseure haben sich für Berlin entschieden, eine Stadt, die sich im Zeitraffer wandelte, aber bei der man etwas mehr Zeit braucht, um zu verstehen, was geschehen ist.

Gerne wüsste man an einigen Stellen mehr. Meret Beckers Auto ist so vollgestopft mit Gegenständen, das es fast ein kleines mobiles Museum ist mit einen Porträt von Otto Sander, ihrem Vater, mittendrin. Gerne hätte man noch mehr Zeit mit ihr und Hermlin verbracht und sich erzählen lassen, wie das ist, die Kindergeneration zu sein. Oder sich erzählen lassen, wie Marion Brasch, Kind der DDR-Nomenklatura, von den Kollegen aus den Dissidenten-Haushalten aufgenommen wurde. Und das ist vielleicht die einzige Schwäche, dieses ansonsten sehr wundervollen Films. Er zu kurz.

„Mein Berlin, dein Berlin“, 09.12., 21Uhr, RBB