Maybrit Illner

„Was Sie da machen, Herr Lafontaine, das ist widerwärtig“

Wird Bodo Ramelow zum neuen Ministerpräsidenten gewählt? Oder verfehlt er seine Mehrheit? Steigt die CDU mit der AfD ins Bett? Bei Illner wurde deutlich: In Thüringen geht es heute um sehr viel.

Foto: ZDF

Es ist vielfach beschworen worden – als Schreckgespenst, oder, je nach Sichtweise, als historischer Emanzipationsfortschritt: Mit Bodo Ramelow könnte am heutigen Freitag in Thüringen erstmals, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, ein Spitzenpolitiker der Linkspartei in eine Staatskanzlei gewählt werden – wenn, ja wenn.

Wenn er die hauchdünne Mehrheit von 46 Stimmen hinter sich vereinen kann. Wenn also die weltanschaulich brüchige Koalition aus Grünen, der Linken und der SPD hält. Falls nicht, wie es Heide Simonis 2005 im schleswig-holsteinischen Landtag geschah, ein Heckenschütze im Geheimen seine Stimme verweigert. „Heide-Mörder“ hat man den Abgeordneten damals in Anspielung auf einen berüchtigten Serienkiller genannt. Wird es heute in Erfurt dementsprechend einen Bodo-Mörder geben?

Was wir wissen können

Man könne so etwas ja nie sagen, erklärte Karl Lauterbach Es sei aber doch unwahrscheinlich. Das hätten die zahlreichen Probeabstimmungen ja gezeigt. Damals, in Kiel, das sei doch eine Charakterfrage gewesen. Da habe jemand hinterrücks einfach anders gehandelt als versprochen. Doch ganz so bombensicher scheint sich der SPD-Gesundheitsexperte in dieser Frage nicht zu sein.

Ihm war es jedenfalls ein Anliegen, die Union auf ein Bekenntnis gegen die politisch noch sehr unberechenbare „Alternative für Deutschland“ (AfD) einzuschwören. Denn das Szenario ist ja dieses: Sollte Ramelow seine Ein-Stimmen-Mehrheit in den ersten beiden Wahlgängen nicht erzielen, so könnte die Union mit einem Gegenkandidaten alle Pläne zunichte machen. Nach wochenlanger Unentschlossenheit hat sich Thüringens CDU nun auch darauf festgelegt, wer das dann sein könnte: Klaus Dicke, der ehemalige Rektor der Jenaer Schiller-Universität. Nicht die noch amtierende Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht und auch nicht der CDU-Fraktionsvorsitzen de Mike Mohring.

Eine schwarze Ypsilanti

Von diesem wollte Lauterbach nun also gern eine Distanzierung hören. „In der Opposition gibt es keine Koalitionsfragen“, bescheinigte Mohring trocken. Dass ausgerechnet die SPD vor einer weiteren Liaison mit der Linkspartei die Union vor politisch verdächtigen Beziehungen warnt, wirkt dann doch etwas wohlfeil. Und aus Sicht der Linkspartei ist das alles sowieso ein „Affentheater“, wie es Oskar Lafontaine nannte. Genüsslich führte er aus, ein Bündnis aus Union und AfD würde aus Mohring „eine schwarze Ypsilanti“ machen – also einen Politiker, der Wahlkampfversprechen aus taktischen Erwägungen nach Belieben breche.

Lafontaine erwies sich in dieser Runde erneut als eine Art Druide des kruden Vergleichs. Natürlich waren schnell die Stasi-Verbindungen seiner Linkspartei ein Thema und die historische Last, die deshalb auf ihr liegt. Lafontaine glaubt sie allen Ernstes wegwischen zu können mit dem Hinweis darauf, der Verfassungsschutz habe Bodo Ramelow doch auch beobachtet. „Herr Lafontaine, was Sie hier machen, ist widerwärtig“, ärgerte sich Mohring über die darin liegende Herabwürdigung von Opfern des SED-Regimes.

Tanz auf der Einbahnstraße

Lafontaines Logik geht ungefähr so: Wer heute noch von diesen Opfern spricht, der schweigt von all den anderen Opfern, die der Krieg gegen den Terror, die der gesamte „amerikanisch-industrielle Komplex“ tagtäglich fordere. Mit einem Tänzchen auf dieser Einbahnstraße in den Irrsinn klang die Sendung aus. Maybrit Illner wollte oder konnte das nicht verhindern.

Dennoch bleibt die heutige Wahl in Thüringen spannend – auch als eine Art bundespolitisches Versuchslabor. Sollte sich die Konstellation in Thüringen als belastbar erweisen, hätte die strukturelle Mehrheit der linken Parteien in Deutschland erstmals einen wichtigen strategischen Sieg davongetragen. Die Union kann das ihrerseits nur verhindern, wenn sie sich nach rechts öffnet. Das kann man nun die Wahl zwischen Not und Elend nennen – oder auch eine Zwangslage, aus der sich größere politische Ehrlichkeit ergibt.

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