Günther Jauch

Wladimir Putins Monologe und ein viel zu höfliches Interview

Es war schon im Vorfeld als journalistischer Scoop gefeiert worden: Bei Günther Jauch wurde ein längeres Gespräch mit dem russischen Präsidenten ausgestrahlt. Es war vor allem irritierend.

Foto: ARD Screenshot

Diese Ausgabe des wöchentlichen Talks von Günther Jauch war in mancher Hinsicht ungewöhnlich. Man hatte noch die fast fluchtartig wirkende Abreise des russischen Präsidenten Wladimir Putin vom G-20-Gipfel im australischen Brisbane im Gedächtnis, der ein vierstündiges Gespräch mit Kanzlerin Angela Merkel vorangegangen war. Müdigkeit war als offizielle Begründung für die schnelle Rückkehr nach Russland angegeben worden.

Nun kündigte Jauch ein ausführliches Interview an, geführt von dem Journalisten Hubert Seipel, das freilich bereits vor dem Gipfel aufgezeichnet worden war, am Donnerstag nämlich. Es füllte die erste Dreiviertelstunde der Sendung und es zog ein paar Schleier beiseite, die den Blick auf das Denken Putins bislang erschwert hatte. Schade nur, dass Seipel, dessen Gesicht sehr oft zu sehen war, dem Präsidenten allzu häufig Monologe gestattete, wo kritische Fragen angebracht gewesen wären.

Die üblichen Argumente

Es begann natürlich mit der rhetorischen Standardfigur, mit der Putin bereits seit Monaten gegen den Westen und seine Bündnisse argumentiert: Die USA und auch die Nato hätten an allen möglichen Orten unweit der russischen Grenzen Stützpunkte aufgebaut und das Bedrohungsgefühl ebenso wie die internationale Isolierung Russlands zementiert. So weit, so bekannt. Was dann folgte, war schon ein wenig überraschender. Dass Russland die Krim kurzerhand annektiert habe, bestritt der russische Präsident nicht wie schon öfter, er wehrte sich lediglich gegen die Behauptung, die Annexion sei völkerrechtswidrig gewesen.

Und er holte zu einem langen und im Dozententon gehaltenen Vortrag darüber aus, wie sehr Russland die notorisch instabile Ukraine auch finanziell unterstützt habe. „Ich gerate ins Monologisieren“, sagte er irgendwann selbst, offenbar erstaunt, dass er nicht häufiger unterbrochen wurde. Aber Seipel erwies sich in diesem Interview in erster Linie als schweigender Zuhörer, der auch einmal bestätigend nickte und sich Widerspruch lediglich als denkbaren Einwand abwesender Dritter zu formulieren traute. Dass Putin die westlichen Sanktionen als eine Art sportliche Herausforderung für die Russen beschreiben durfte, die diese ohne weiteres schultern könnten, war da noch eines der harmloseren Beispiele.

Raketengeschosse im Einsatz

Den in den letzten Wochen häufig erhobenen Vorwurf, Moskau unterstütze die russischen Separatisten in der Ost-Ukraine, wollte Putin nicht in Abrede stellen: „Das Wichtigste ist“, sagte der Präsident, „dass man das Problem nicht einseitig betrachten darf. Heute gibt es Kampfhandlungen im Osten, die ukrainische Regierung hat Truppen eingesetzt. Es kommen sogar Raketengeschosse zum Einsatz, aber wird das erwähnt? Mit keinem Wort.“

Auch ein russisches Eingreifen in dieser Region wollte er nicht ausschließen: Er warf den Berichterstattern vor, sie würden wollen, „dass die ukrainische Regierung dort alle vernichtet, sämtliche politischen Gegner und Widersacher. Wollen Sie das? Wir wollen das nicht. Und wir lassen es nicht zu.“ Russlands Präsident gerierte sich als Stabilisator der Region, als Friedensstifter. Die anschließende Gesprächsrunde wollte es ihm nicht so recht abnehmen. Sowohl der Historiker Heinrich August Winkler wie auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hatten ihre Schwierigkeiten mit der so bruchlos vorgetragenen Weltsicht Putins. Wie schön es doch gewesen wäre, wenn sich ihre Bedenken auch im Interview stärker wiedergefunden hätten.