Hart aber fair

„Bei der DDR-Hymne habe ich letztens noch geweint!“

Freiheit oder Gleichheit: Was trennt die Deutschen in Ost und West 25 Jahre nach dem Mauerfall wirklich? Bei Frank Plasberg wurde klar: Es ist vor allem die Art, wie der Vergangenheit gedacht wird.

Es gab viele Lippenbekenntnisse in dieser Sendung, der Art etwa, dass man doch nicht ernsthaft 25 Jahre nach dem Fall der Mauer zwischen Ost und West noch unterscheiden müsse. Oder dass man, wenn überhaupt, dann doch auch auch zwischen Nord und Süd differenzieren solle und dass sowieso Vielfalt, Landsmannschaft und regionale Eigenheiten vielmehr Gewinn und keine Hindernisse seien.

Das war natürlich geschenkt. Es dauerte nicht allzu lang, da reproduzierten die Gäste die größten psychologischen Barrikaden zwischen dem, was viele einmal „Westdeutschland“ nannten und dem, was andere als „fünf neue Länder“ bezeichneten, geradezu maßstabsgertreu. Es waren der Schauspieler Uwe Steimle und der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck, die aus der Sicht des Ostens die Unterschiede benannten. „Es gab im dort einfach mehr Zusammenhalt“, konstatierte Steimle und erzählte, wie er zur Ausbildungszeit einmal, als er den Bus verpasst hatte, von seinem Chef im Auto mitgenommen worden sei. Steimle wirkte ernsthaft überzeugt davon, dass dergleichen im Westen gar nicht erst denkbar sei.

Kooperation und Konfrontation

Gegenüber dem etwas übers Ziel hinausschießenden Schauspieler wirkte Platzeck zurückgenommener und besonnener, doch auch er skizzierte dieselbe Prägungsdifferenz: Während es im Osten (auch der schlechten wirtsschaftlichen Lage halber) eher ein Lebensmodell der Kooperation gegeben habe, so sei der Stil des Zusammenlebens im Westen stärker auf Wettbewerb und Konfrontation ausgelegt gewesen. Und das habe eigene Mentalitäten hervorgebracht: Platzeck erzählte davon, wie er nach der Wende sein erstes Ministerium aufbaute und wie markant die Unterschiede der Bewerbungen gewesen, die dort wäschekörbeweise eintrafen. Die Kandidaten aus dem Osten hätten verhalten und vorsichtig gewirkt, zaudernd fast, während sich die Einsender aus dem Westen sich schlicht alles zuzutrauen schienen, fast bis hin zur Ministerpräsidentschaft selbst.

Die Wut des Schauspielers

Aus Steimles wie auch aus Platzecks Erzählungen sprach auch ein leises Bedauern darüber, wie die DDR und die Bürger, die in ihr lebten, heutzutage wahrgenommen würden: eben nur als Unterjochte und Unfreie. Dahinter stecke Methode: „Der Versuch ist, die DDR und das Nazisystem auf eine Stufe zu stellen“, sagte Steimle wütend. Platzeck, ruhiger: „Wer das Leben damals schöner fand, sollte deshalb nicht denunziert werden.“

Am meisten sicherlich provozierte Steimles ostalgisch gemeinte Wendung, wenn er die DDR-Hymne höre, dann kämen ihm immer noch die Tränen. „Es haben viele Menschen um ihre Kinder geweint“, sagte Julia Klöckner, Fraktionsvorsitzende der CDU im Landtag von Rheinland-Pfalz. Sie verwies auf die tödliche Gewalt, die fluchtwilligen und in der Regel jungen Menschen an der deutsch-deutschen Grenze angetan wurde. „Ich habe den Eindruck, Sie trauern der DDR nach“, sagte sie in Richtung Steimles, „und wenn es eine DDR light geben würde, dann wären Sie glücklicher.“ Und Klaus Meine, als Frontsänger der „Scorpions“ hauptverantwortlich für das notorische „Wind of Change“, argumentierte in einer ähnlichen Tonlage: „Wenn ich die DDR-Hymne höre, dann denke ich an Peter Fechter und daran, wie er an der Mauer verblutete.“

Leben in der Diktatur

Dagegen kann man natürlich nichts sagen, und voilà: Da standen sie sich nun also wieder gegenüber, jene beiden Seiten, die seit Jahrzehnten miteinander zu sprechen versuchen und sich doch nicht verstehen. Die einen, die sich einen Reim machen wollen auf ihr Leben in einer stickigen Diktatur, in der vieles furchtbar war aber der Alltag eben nicht immer und das Zusammengehörigkeitsgefühl vielleicht stärker; und die anderen, die die Verbrechen in Erinnerung halten wollen, die der sozialistische deutsche Teilstaat an seinen Bürgern beging. Ines Geipel, ehemals DDR-Spitzensportlerin, heute Schauspielprofessorin und Publizistin, schaffte den Sprung über diesen Graben vielleicht noch am besten. Sie sagte: „Wir haben es als Gesellschaft versäumt, denjenigen die Hand zu reichen, die wirklich unter dem Regime gelitten haben.“

Dennoch: Eine Gesprächsrunde mit unversöhnlicher, zuweilen bitterer Grundierung, die kein Lippenbekenntnis wegschminken konnte.