Günther Jauch

„Das Kinderkriegen wird von den Firmen durchökonomisiert“

Dürfen Unternehmen ihren Mitarbeiterinnen Geld dafür bezahlen, dass sie ihren Kinderwunsch auf die lange Bank schieben? Die Angebote von Apple und Facebook erhitzten bei Günther Jauch die Gemüter.

Foto: ARD-Screenshot

Wie soll man ihn finden, den Vorschlag von Apple und Facebook? Ist es unmoralisch, den Mitarbeiterinnen beider Unternehmen anzubieten, ihre Fruchtbarkeit auf dem Weg des „social freezing“ künstlich zu verlängern? Sie also mit dem Einfrieren ihrer Eizellen in die Lage zu versetzen, Karriere und Familienplanung besser auf die Reihe zu bekommen, als dies bislang der Fall war? Die Runde bei Günther Jauch am Sonntagabend machte klar, wie sehr die Antwort auf diese Frage von der Perspektive desjenigen abhängt, der sie gibt.

Denn es ist ja zunächst einmal die Frage, wer da überhaupt etwas auf die Reihe bringen muss. Die Frau? Oder Wirtschaft und Politik? Es war der populäre Fernsehjournalist Ranga Yogeshwar, der am härtesten mit der frostigen Methode und der Offerte der beiden Firmen ins Gericht ging. Zum einen, weil es ein gesellschaftspolitisch fatales Signal aussende: Nicht etwa die Wirtschaft habe sich nach der Biologie der Menschen zu richten, sondern die Biologie passe sich umgekehrt den Bedürfnissen der Wirtschaft an – das Kinderkriegen werde durchökonomisiert. Zum anderen, weil es rund um das Einfrieren der Eizellen viele technische Unklarheiten gebe – der Frostschutz, die permanente Kühlung über Jahre hinweg – die risikobehaftet sind.

Die Sache mit dem Frostschutz

Hier hätte man sich mehr Klarheit und Informationen gewünscht, zumach mit Nicolaus Zech auch ein Reproduktionsmediziner anwesend war. Ist es wirklich so, dass die Frostschutzmittel, mit denen die Eizellen behandelt werden, medizinisch nicht mit den Standards einer normalen Arzneimittelprüfung getestet werden? Und wie sehr steigt die Wahrscheinlichkeit überhaupt, mit Hilfe der tiefgefrorenen Eizellen schwanger zu werden? Hier blieb vieles nebulös, was aber doch eigentlich entscheidend ist.

Die Filmemacherin Sharon Berkal hat eine andere Sicht auf das Thema – naturgemäß, möchte man sagen. Sie ist nun 37 Jahre alt, hat sich Eizellen einfrieren lassen und will erst in einigen Jahren Mutter werden. Sie wirbt dafür, im „social freezing“ einen Zugewinn an individueller Freiheit zu sehen.

Eine ambivalente Debatte

Eine Sicht, die von der Journalistin Elisabeth Niejahr von der „Zeit“ geteilt wurde. Sie konnte aber auch die Sicht Yogeshwars nachvollziehen: „Je mehr Frauen ihre Fruchtbarkeit manipulieren“, sagte sie, „desto weniger wird sich ändern.“ Sie brachte die Janusköpfigkeit der Debatte am besten auf den Punkt. Ja, es gebe einen Gewinn an individueller Freiheit – für die einzelne Frau. Insgesamt sei aber eher ein Verlust an Planungs- und Entscheidungsfreiheit zu beklagen. Das ist eben die Crux: So hilfreich die Methode für viele verzweifelte Frauen mit Kinderwunsch auch ist – als unternehmenspolitisches Mittel zementiert sie einen Missstand, der eigentlich dringend zu ändern wäre. Dass es nämlich beruflich bestraft wird, ein Kind zu bekommen.

Die Arbeitgeber-Anwältin Petra Dahlhoff betonte, die Frauen könnten doch nach wie vor frei über den Schwangerschaftszeitpunkt entscheiden. Aber konnten sie es denn jemals? War der Zeitpunkt für die Babypause nicht immer schon von karrierestrategischen Erwägungen abhängig – also unfrei? Und wird er jetzt nicht noch ein wenig unfreier durch die fremdfinanzierte Option, so spät wie irgend möglich schwanger zu werden?