Hart aber fair

Wie viel Sklavenarbeit steckt hinter einer günstigen Jeans?

Jeder trägt sie – aber wer will viel Geld dafür bezahlen? Bei Frank Plasberg wurde über die Schattenseiten billiger Mode diskutiert: Ausbeutung, Armut und Lebensgefahr in Ländern wie Bangladesch.

Foto: ARD Screenshot

Am Anfang steht die Jeans – und ein ratloser Frank Plasberg. Was ist denn eigentlich cool, fragt der Anzugträger und zeigt seinen Gästen ein etwas löcheriges Exemplar, „halb kaputt gemacht“ nennt er es. Designerin Fiona Erdmann klärt auf, das ist „gebrauchter Look“. Die Hosenschau geht weiter. Nun holt Plasberg eine klassische dunkle ohne Extras hervor – „Typ Erdkundelehrer“ – und fragt: Was ist falsch an der? Achselzucken. Der Berliner Designer Michael Michalsky findet sie cooler.

Soviel zum Modegeschmack, aber eigentlich geht es bei „Hart aber fair“ um das Thema „der Kick der kleinen Preise – wie billig darf Kleidung sein?“ Eine Näherin in Bangladesch verdient gerade mal 15 Cent Stundenlohn, wenn sie Kleidung für den europäischen Markt herstellt. Die Arbeitsbedingungen sind gesundheitsgefährdend, ja lebensgefährlich, wie der Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch mit mehr als 1000 Toten letztens zeigte. Vergleichbare Unglücke hat es in den letzten Jahren auch in anderen Ländern zuhauf gegeben.

Zustände wie im 19. Jahrhundert

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat sich dieses Themas in einer für Politiker ungewöhnlicher Schärfe angenommen. Bei Plasberg erklärt er: „Hinter jedem Produkt stehen Menschen, die diese Kleidung produzieren müssen. Nach Standards, die wir in Deutschland niemals akzeptieren würden.“ Und: „Die Menschen, die immer mehr -– Geiz ist geil – für 9,90 Euro eine Jeans kaufen wollen, müssen sich fragen, wer kann diese Jeans produzieren? Für 15 bis 20 Cent in der Stunde arbeiten die Näherinnen und das ist inakzeptabel. Ich glaube nicht, dass man in Deutschland ein gutes Gefühl haben kann, wenn man weiß, dass dahinter im Prinzip Sklavenarbeit steckt, wie man sie im 19. Jahrhundert in der Textilwirtschaft in Deutschland auch hatte.“

Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer Handelsverband Deutschland, sprang dem Minister mehr oder weniger bei: „Wir haben es in der Hand, der Verbraucher einerseits, aber auch Handel und Industrie, Einfluss zu nehmen auf die Bedingungen in den Schwellenländern und Veränderungen gemeinsam mit der Politik herbeizuführen.“

Die Sache mit dem WM-Trikot

Soviel zur Harmonie. Minister Müller hatte sich allerdings vor kurzem mit dem Sportartikelhersteller adidas angelegt. Das neue WM-Trikot für knapp 85 Euro – davon bekommt die Näherin in Bangladesch 15 Cent. Adidas wehrte sich: die Firma produziere gar nicht in Bangladesch, sondern in China. Die Arbeiter dort bekommen einen Monatslohn bis zu 327 Euro, dreimal so viel wie der örtliche Mindestlohn. Was zahlt aber adidas für jedes einzelne Trikot an die Näherinnen? Adidas wolle sich nicht äußern, aber Experten schätzen, dass von den 85 Euro nur 8,23 Euro in die Produktion gehen, da sind das Material und der Export nach Deutschland schon eingerechnet.

Es sei kein Boykottaufruf gewesen, sagt Müller, der ein Hemd eines deutschen Markenartiklers aus dem Schwäbischen trug. Es gehe generell um die Arbeitsbedingungen. Adidas müsse nachweisen, dass sie Löhne bezahlen, von denen auch in China die Arbeiterinnen leben können.

Ein T-Shirt für 45 Euro

Michael Michalsky outete sich, das er ein 45-Euro-T-Shirt trägt, und stellte nüchtern fest: Letzendlich entscheide der Konsument. Fiona Erdmann erklärte, dass man das nicht nur auf die Käufer schieben kann: „Natürlich sind die Umstände schlecht. Ich finde es aber auch schwierig, dass jemand, der nicht viel Geld hat, sich jetzt für 200 Euro was kaufen soll, wo er ein besseres Gewissen hat.“

Kirsten Brodde, Expertin für „Grüne Mode“ bei Greenpeace versuchte es dann doch auf den Punkt zu bringen: „Teuer heißt vielleicht nicht garantiert besser, aber billig macht es wirklich schwer, Spielräume für ökologische und faire Produktion zu haben.“