Hart aber fair

„Wir haben in 20 Jahren komplett das Kochen verlernt“

Tiefkühlpizza, Chinapfanne, Hamburger und Heidelbeeren: Fast alles, was man essen kann, gibt es auch für die Gefriertruhe. Ist das auch gut? Bei Plasberg trafen sich Frostfreunde und Kälteskeptiker.

Foto: ARD-Screenshot

Der Sommer ist vorbei oder zumindest der August, die Talkshowkarawane setzt sich wieder in Bewegung. Auch die Nachrichtenlage hat das sogenannte Sommerloch längst hinter sich gelassen – in Syrien, im Irak, im Osten der Ukraine geht es wüst zu, in Sachsen ist gerade ein neuer Landtag gewählt worden mit desaströsem Ausgang für die FDP, mit triumphalem Ende für die Alternative für Deutschland. Worum also ging es in dieser Ausgabe von Frank Plasbergs „Hart aber fair“? Es ging um Tiefkühlkost.

Was das soll? Man muss als mildernden Umstand in Rechnung stellen, dass diese Sendung – ähnlich wie mancher Günther-Jauch-Talk nach dem „Tatort“ – das Thema seiner vorangegangenen Sendung aufnahm und, vielleicht auf die Einschaltquoten eines populären Themas schielend, weiterzuspinnen versuchte. Diese Sendung trug den Titel „Der Iglo/Frosta-Check“, war eine Dokumentation und versuchte auf einige Umstände im Geschäft mit der Tiefühlkost hinzuweisen, die vielleicht nicht jedermann bekannt sind.

Zweimal gefroren hält besser?

Da ist zum Beispiel die seltsame Tatsache, dass viele Tiefkühlfische im Lauf des Herstellungsprozesses zweimal eingefroren werden, während auf den Packungen ausdrücklich davon abgeraten wird. Warum wird abgeraten? Das wollte die Redaktion von „Hart aber fair“ von der Iglo-Verbraucherhotline wissen. Und bekam die freimütige Auskunft, dass sich in einem solchen Fall schon mal die Bakterien übermäßig auf dem Lebensmitteln ausbreiten und man infolgedessen nach Verzehr „die Kloschüssel umarmen“ müsse. Warum aber veranstaltet der Produzent, wovor er den Konsumenten warnt?

Nun ja, sagte Sabine Eichner vom Deutschen Tiefkühl-Institut, einer Lobbyvereinigung der deutschen Tiefkühlindustrie. Ihr fiel in dieser Sendung die unliebsame Aufgabe zu, das Frostgut gegen die allfälligen Vorurteile zu verteidigen. Die russischen Fischer in der Barentsee hätten nun einmal nicht die technischen Möglichkeiten, das Fanggut gleich vor Ort zu filetieren, weshalb das in einem zweiten Arbeitsschritt in China geschehe – und auch dort gebe man sich ja alle Mühe, dabei „möglichst niedrige Temperaturen“ einzuhalten.

Buletten ohne Herkunft

Es war nicht das einzige Mal, dass sie ins Schwimmen geriet. Plasberg machte darauf aufmerksam, dass jedes Frischfleischprodukt in Deutschland eine Herkunftsbezeichnung zu tragen hat, während das bei Tiefkühlprodukten bei nur geringfügiger Weiterverarbeitung nicht der Fall sein muss. Seitens der Tiefkühlproduzenten wird eine solche Etikettierung mit Hinweis auf die dann ins Astronomische steigenden Kosten abgelehnt. Weder Sabine Eichner noch der ihr zur Seite gestellte Handels- und Marketingprofessor Thomas Roeb konnten aber plausibel machen, was dieses Ausgabenwachstum denn verursachen soll. Müssen die Hersteller denn nicht wissen, woher sie haben, was sie anbieten?

Letztendlich waren das aber schon Fragen für Feinschmecker. 41 Kilogramm Tiefkühlkost konsumiere der Deutsche im Jahr, hatte Plasberg eingangs aufgeklärt, während er sich an einen mit 41 Kilogramm Tiefkühlkost gefühlten Tiefkühler lehnte. Und ist das nun gut oder schlecht? Die Argumente kann man in etwa so zusammenfassen: Es ist insofern gut, als sich das Gefrieren tatsächlich als die vitaminschonendste Konservierungsmethode erwiesen hat. Matthias Wolfschmidt von Foodwatch bezeichnete sie denn auch als „wichtigste Innovation der Lebensmittelbranche“. Thomas Roeb führte vor allem den zeitlichen Vorteil ins Feld, den der Tiefkühlkostkonsument angeblich genieße.

Erdbeeren im Minusbereich

Auf der Gegenseite fand sich im Fernsehkoch Rolf Zacherl (wenig überraschend) ein Kritiker der Speisen aus dem ewigen Eis. Er nutze seinen Tiefkühler allenfalls, um frische Zutaten vor dem vorschnellen Verfall zu retten. Er wie auch die Grünen-Politikerin Bärbel Höhn machte auch auf den kulturellen Verlust aufmerksam, den die Abkehr vom Kochen bedeutet. „Wir haben in 20 Jahren komplett das Kochen verlernt“, sagte Zacherl und erzählte, dass er manchmal in Schulklassen Zucchini vorzeige und Schweigen ernte auf die Frage, was das denn sei.

So sahen sich, wie in so vielen vergleichbaren dieser Sendungen dieser Art zuvor, die Nützlichkeitspropheten den Skeptikern gegenüber – mit klarem Vorteil für die Skeptiker diesmal. Bevor Plasberg an den obligatorischen Warentisch rief und Verbraucherhinweise auf Packungen studieren ließ, hatte Zacherl die berechtigte Frage gestellt, warum in Gottes Namen er denn 12 Monate im Jahr auf jedes Gemüse, auf jedes Obst zugreifen können müsse? Da gab ihm sogar Tiefkühlfreund Roeb Recht: „Also, Erdbeeren würde ich auch nicht tiefgefroren kaufen.“