Maybrit Illner

Wulff windet sich und wird für traumatisiert erklärt

Ex-Bundespräsident Christian Wulff fühlt sich seiner Würde beraubt. Eine Kampagne habe es gegen ihn gegeben – weil er angeblich eine Provokation war. Seine neue beste Freundin heißt Antje Vollmer.

Foto: ZDF

Wenn es so weitergeht, hat Christian Wulff gute Chancen, zum diesjährigen Sommerlochhelden zu werden. Normalerweise ist es ja der bissige Riesenwels im Schlachtensee, der die nachrichtenarme Ferienzeit mit Schlagzeilen versorgt. Oder das Krokodil in der Kanalisation. Aber in diesem Sommer kann von Nachrichtenarmut keine Rede sein. Im Gazastreifen und in Israel heulen die Sirenen, über der Ukraine wurde ein Passagierflugzeug abgeschossen. Das Drama um den zurückgetretenen Wulff? Etwa so spannend wie der Wels.

Aber gut, Christian Wulff hat noch einige Rechnungen offen. Der Ex-Bundespräsident will seinen guten Ruf wiederhaben. Und womöglich sein Buch verkaufen – das ist sein gutes Recht, aber vermutlich geht es ihm weniger um den Bucherlös als um die Botschaft: Ich war unbequem, „eine Provokation“, deshalb hat mich die Presse zum Abschuss freigegeben.

Wulff, l’enfant terrible

Wulff, eine Provokation? „Ich habe von der bunten Republik Deutschland gesprochen.“ Oha. Frau Wulff hatte ein Tattoo, er eine Patchworkfamilie, und dann gipfelte die Provokation in dem einen, einzigen – damals ziemlich einsamen – Satz: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Mehr zum Islam folgte dann nicht, auch diese Provokation hielt sich in Grenzen. Alles in allem klingt die Wulffsche Mischung weniger nach Provokation als nach aktuellem deutschem Mainstream.

Ein Kind, das nicht wieder zum Klassensprecher gewählt wurde und nun beleidigt vor die Klasse tritt, so wirkt Wulff. „Ich bleibe dabei, ich habe das Amt gut ausgefüllt“, sagt er trotzig. Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung rückt denn auch gleich Wulffs Selbsteinschätzung zurecht. Ja, er habe womöglich hier und da zum Nachdenken angeregt. Aber ein Provokateur sei er nun doch nicht gewesen.

Sofort versteigt sich die Grünen-Politikerin Antje Vollmer zu der irren These, Wulff sei, im Vergleich zum heutigen Bundespräsidenten Joachim Gauck, der „liberale und zivilere Kandidat“. Richtig verschwörungstheoretisch wird es, als sie behauptet, der Springer-Verlag habe eigentlich von Anfang an Christian Wulff absägen wollen. Wow, das muss man erstmal nachweisen. Denn nach dem etwas rumpeligen Wahlbeginn, als Wulff mit Joachim Gauck einen starken Gegenkandidaten hatte, war er doch in den nächsten Monaten als Bundespräsident zunehmend angesehen. Das verdrängt Vollmer einfach.

Angeblich Präsident auf Abruf

Jetzt ist der Tenor des Abends klar. Maybrit Illner spricht von Bashing – hat der Islam-Satz Wulff den Posten gekostet? Journalisten sind nun Jäger, der arme Herr Wulff und seine Familie die Gejagten. Ja, es gab eine Kampagne am Ende von Wulffs Amtszeit. Eine Kampagne, die über das Ziel hinausschoss. Das würde kaum ein Journalist heute bestreiten. Aber es bleibt dabei: Wer wie Wulff sein Privatleben von Anfang an vermarktete und benutzte wie kein Bundespräsident vor ihm, wer dermaßen eng mit dem Boulevard zusammenarbeitete, der zahlt eben irgendwann den Preis.

Wer seine Urlaube mit Top-Wirtschaftsleuten verbringt, wer Amt und Freundschaften bis zur Unkenntlichkeit vermischt, der ist eine dubiose öffentliche Figur. Und wenn Kai Diekmann bei einem privaten Frühstück im Schloss Bellevue die neue Ehefrau Bettina Wulff auf ihre angebliche Rotlichtvergangenheit anspricht, dann wäre spätestens das der Moment gewesen, den Mann sofort vor die Tür zu setzen. Warum hat Wulff damals kein Rückgrat gezeigt?

„Wer sich in Gefahr begibt, der kommt darin um“, sagt Prantl trocken. „Vertrauensselig“ sei er gewesen, meint jetzt Wulff. Sein Tipp an Politiker heute: Macht euer Privatleben dicht. „Man hat mir die Würde abgesprochen“, empört sich Wulff mehrmals. Kampagne von Anfang an, jawohl. Es ist Prantl, der immer wieder den Wulffschen Furor dämpft. Natürlich, vieles sei schief gelaufen, manches war überpointiert. „Anklagejournalismus.“ Aber gerade ein Bundespräsident brauche ein dickes Fell. Aber Wulff klagt weiter. Er holt olle Kamellen raus. Was für miese Geschichten über ihn und sein Privatleben recherchiert wurden. Man reibt sich die Augen. Gab es denn nicht genug superpositive „Bild“-Artikel über das Ehepaar Wulff?

Sonderbare Salamitaktik

Was bleibt von dem Abend? Wulff hat in Antje Vollmer eine Freundin fürs Leben. „Sie sind traumatisiert“, bescheinigt sie ihm mütterlich. Rührend! Und Wulff – er wird im Laufe der Sendung immer statischer, immer mehr der Jurist, der er eigentlich ist. „Das geht niemanden etwas an“, sagt er heute zu seinem umstrittenen Hauskauf, zu seinen Privatreisen. Ja, das mag sein. Aber bei Korruptionsverdacht geht das die Öffentlichkeit doch ein wenig an. Und Wulffs sonderbare Salamitaktik, mit der er sich rauszuwinden versuchte, war mehr als unglücklich. Es bleibt dabei: Es fehlte Wulff schlicht an Haltung, an Charakter. Ob er das nachholen kann? Nicht in diesem Sommer.

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