Günther Jauch

„Die Amerikaner wären schlecht beraten, im Irak einzugreifen“

Die militanten Sunniten der Isis-Bewegung marschieren auf Bagdad vor. Droht im Nahen Osten ein neuer islamischer Gottesstaat? Die Runde bei Günther Jauch fragte sich, was der Westen nun tun soll.

Foto: ARD-Screenshot

Der letzte Tweet vor seinem Tod zeigte noch einmal Frank Schirrmachers großes Gespür für Themen. „Bilanz des Krieges gegen den Terror: Der Irak fällt in die Hände von Leuten, die selbst Al-Qaida zu extrem sind“, schrieb der Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ am 11. Juli und verwies auf einen Artikel in englischen „Guardian“. Gemeint waren die fanatischen Anhänger der sunnitischen Isis-Bewegung, die im Nahen Osten derzeit Angst und Schrecken verbreiten, die Grenzposten zu Syrien und Jordanien überrannt haben und auf Bagdad vorrücken. Die Sorge um die brutale Entschlossenheit der Kämpfer verband die Runde, die sich am Sonntagabend bei Günther Jauch im Ersten zusammengefunden hatte.

Sie war sich auch einig in einer historischen Bewertung: Dass der Krieg gegen den Terror in Gestalt des Einmarschs im Irak ein „folgenschwerer Fehler“ war, wie es der CDU-Bundestagsabgeordnete Norbert Röttgen formulierte, der Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses ist. Er sprach von einer „entflammten Region“ – und von dem Fehler des Westens, den irakischen Regierungschef, den Schiiten Nuri al-Maliki, nicht unter Druck gesetzt zu haben, auch die sunnitischen Glaubensbrüder politisch miteinzubeziehen.

Eine Region wie eine Wunde

Die Journalistin Dunja Hayali, deren Familie aus dem Irak stammt, verglich den Irak mit einer schlecht vernähten Wunde. Sie sah die Schuld auch auf Seiten Malikis, der für die Integration anderer Glaubensrichtungen nicht nur nichts getan habe, sondern diese zum Teil in den Tod geschickt habe. Für den Außenpolitik-Experten Guido Steinberg von der „Stiftung Wissenschaft und Politik“ liegt ein Kern des Problems in der Haltung der Türkei begründet, die Grenzbewegungen der Dschihadisten toleriere und manchmal gar stillschweigend unterstütze. Die Gruppe Isis, erläuterte Steinberg, habe auf ihrem Feldzug 100 Millionen Dollar erbeutet und sei nun entsprechend befähigt, den Konflikt militärisch noch viel weiter eskalieren zu lassen.

Der Bundestagsabgeordnete Jan van Aken von der Linken, ehemals Waffeninspekteur der Vereinten Nationen, sah noch einen weiteren Fehler – die deutschen Waffenexporte an Länder wie Saudi-Arabien, die dann diese Waffen an solche Gruppen weiterreichen würden. Dem hielt Röttgen entgegen, dass es diesen religiös motivierten Konflikt im Irak auch ohne Waffenlieferungen geben würde. Sicher schien ihm in der verwirrenden Lage nur eins zu sein: Dass ein neuerlicher Eingriff der Amerikaner ein Fehler wäre, eben weil man sich dann zwangsläufig auf eine bestimmte Seite schlagen müsse: „Sie wären schlecht beraten, dort einzugreifen“, sagte Röttgen.

Joachim Gaucks „Ultima Ratio“

Trotzdem verteidigte er die umstrittenen Äußerungen von Bundespräsident Joachim Gauck, der militärische Einsatz dürfe als Ultima Ratio politischen Handelns nicht ausgeschlossen werden. Dunja Hayali hatte dafür nur einen simplen Satz übrig: „Ich kenne keinen Konflikt, den wir bislang militärisch lösen konnten.“ Aber wie es nun weitergehen wird und soll in der instabilen Region – darauf hatte sie ebensowenig eine Antwort wie der Rest der Runde. Vielleicht gibt es auch keine.