Maybrit Illner

„Es gibt türkische und kurdische, es gibt sogar schwäbische Deppen“

Deutschland ist jetzt schon Vize-Weltmeister: Bei der Zuwanderung. Verstärkt das die sozialen Härten in Städten wie Berlin? Darum ging es bei Maybrit Illner. Und wer sind diese Zuwanderer eigentlich?

Foto: ZDF-Screenshot

Fußballmetaphern sind ja gerade schwer in Mode. Und deshalb verkündete Maybrit Illner gleich zu Beginn der Sendung, Deutschland sei Vize-Weltmeister, nämlich im Hinblick auf die Einwanderung. Nur die USA seien einer neuen OECD-Studie zufolge bei Migranten noch begehrter als die Bundesrepublik. Die Frage lautet nun, ob das eigentlich gut ist.

Zumindest ist es eine Tatsache. Auch die CSU erkennt das inzwischen an. Ihr Generalsekretär Andreas Scheuer bewies allerdings, mit wieviel Reserve sie dem Phänomen nach wie vor gegenüber steht, mit welcher Sorge um den Transferstaat und die Ausbeutung seiner Leistungen. „Wir können nicht die soziale Reparaturwerkstatt Europas sein“, meinte Scheuer, der im Lauf der Sendung noch mehrfach bewies, wie gut sich Ressentiments und kollektive Zuschreibungen miteinander vertragen.

Es geht nicht nur um die Herkunft

Andere argumentierten differenzierter. Franziska Giffey etwa, als Neuköllns Bildungsstadträtin (SPD) täglich mit den Konsequenzen der Zuwanderung konfrontiert, verwahrte sich zunächst dagegen, mit dem Unterscheidungskriterium der Herkunft auf das Phänomen zu blicken. Viel entscheidender sei nach ihrer Auffassung die soziale Schichtzugehörigkeit, die sich als problematisch für die Integration erweise. So seien an manchen Schulen im Norden Neuköllns manchmal bis zu 90 Prozent der Schüler von der Lehrmittelzulage befreit – mithin also Kinder aus Hartz-IV-Familien, denen es daheim in der Regel am eigenen Zimmer, oft sogar am eigenen Schlafplatz mangele. Die Frage an die Politik sei, wie man diese Kinder in die Bildungsgesellschaft integrieren könne.

Der Großteil der Zuwanderer in Deutschland erweist sich als qualifiziert und arbeitswillig, und dennoch geistert der Dämon des „Sozialtourismus“ munter weiter durch die Debatte. Der Kabarettist Serdar Somuncu verurteilte ihn als pure Polemik. Was lustig ist, denn wer Somuncus Bühnenfiguren kennt, der weiß, wie innig und lustig diese von polemischen Stilmitteln Gebrauch machen können. Aber hier saß eben keine Bühnenfigur, sondern der Mann dahinter. Und der machte auf einen Wahrnehmungsfehler aufmerksam: Schließlich sei auch die Verlagerung deutscher Produktionsstätten ins billige Ausland eine Art von Sozialtourismus – ob man nun das Beispiel des in Bangladesh produzierten T-Shirts nehme oder seine Autos in Bulgarien fertigen lasse.

Wer kommt da aus Rumänien und Bulgarien?

Um Bulgarien und auch um Rumänien, um die neuen Mitgliedsländer der EU, deren Bürgerinnen und Bürger sich nun auch verstärkt auf den Weg nach Deutschland machen, ging es im weiteren Verlauf der Sendung. Scheuer diagnostizierte die Schaffung weiterer Brennpunkte in Duisburg oder auch Neukölln, Giffey hielt dagegen: Nicht nur die deutsche Gesellschaft, auch die Europäische Union sei eine Solidargemeinschaft, „und jede Kette kann nur so stark sein wie ihr schwächstes Glied“. Grünen-Politiker Cem Özdemir assistierte: Die Arbeitslosigkeit der Zuwanderer aus diesen Ländern entspreche dem deutschen Bevölkerungsdurchschnitt, bei rund der Hälfte handle es sich um qualifizierte Facharbeiter.

Man müsse eben differenzieren, es gebe Akademiker und zugleich auch „diejenigen, die durch alle Raster durchgefallen sind“. Und es gebe Deppen: „Es gibt türkische und kurdische, es gibt sogar schwäbische Deppen“, sagte Özdemir und und wollte damit sagen, dass das Pauschalurteil in der Debatte niemandem behilflich ist. Auch Doinita Grosu, rumänische Mitarbeiterin der Diakonie Hamburg, konterkarierte das Bild des Balkan-Auswanderers, der sich hierzulande in die soziale Hängematte legen wolle: Gerade zweimal hätten sich die von ihr betreuten Menschen im vergangenen Jahr nach Sozialleistungen erkundigt. Die meisten wollten arbeiten. Zu dieser Einsicht trug die Sendung einiges bei, in der das parteipolitische Scharmützel wohltuend im Hintergrund blieb.