Anne Will

Warum Uli Hoeneß bald viele neue Freunde haben wird

Was geht hinter den hohen Mauern deutscher Gefängnisse vor? Und was stellt das mit einem Alphatier wie Uli Hoeneß an? Bei Anne Will berichtete ein Gast, was das Schlimmste an einer Haftstrafe ist.

Foto: ARD-Screenshot

Eigentlich ist es kurios: Die Gefängnisstrafe setzt auf den Gedanken der Resozialisierung, also auf die Wiedereingliederung eines straffällig gewordenen Mitglieds der Gesellschaft in dieselbe. Aber dies geschieht auf dem Wege des Freiheitsentzugs und an einem Ort, in dem die Häftlinge, von den Justizvollzugsbeamten einmal abgesehen, unter ihresgleichen sind – bestenfalls. Es stellt sich also die Frage, was eine Haftstrafe mit einem Menschen anstellt, inwiefern sie ihn wirklich einsichtiger und moralisch sattelfester machen kann.

Uli Hoeneß’ letzte Rede vor den Mitgliedern seines Vereins, in der das Wort „Hass“ so oft vorkam, scharf und trocken hervorgestoßen wie ein fränkischer Dolch, lief jedenfalls auch auf die Hoffnung hinaus, der Aufenthalt in Landsberg könne ihn von solch negativen Gefühlen kurieren. Ist das möglich? Das war unter anderem das Thema der Sendung.

Karawanen von Journalisten

Die JVA Landsberg hat die Journalisten gleich karawanenweise durch ihre Räume geführt, um zu zeigen, unter welchen Umständen Uli Hoeneß seine Strafe verbüßen wird. War das gut? Joe Bausch, Gefängnisarzt und Schauspieler unter anderem im „Tatort“, verteidigte die umstrittene Aktion. Die Gesellschaft habe doch ein Recht darauf, etwas über die Lebensumstände hinter diesen Mauern zu erfahren. Das traf gleich auf den massiven Widerstand der Politikerin Renate Künast und des Anwalts Christian Schertz: Der Zeitpunkt dafür hätte nicht ungünstiger sein können. Schertz betonte die „besondere Fürsorgepflicht“ des Staates gegenüber Strafgefangenen und sah sie in diesem Fall verletzt.

Künast sprach von einem „vorauseilenden Voyeurismus“ und dem „Recht auf Ruhe“, das auch prominenten Häftlingen zuzugestehen sei. Dass es ohnedies für Hoeneß in Landsberg keine meditative Versenkung geben wird, machte Joe Bausch deutlich: Ein Prominenter wie er würde dort plötzlich sehr viele Freunde haben und zunächst einmal damit beschäftigt sein, den Wert dieser Freundschaften auszukundschaften. Er schilderte das, was all die Fernsehbilder und Fotos aus der JVA Landsberg nicht über den Gefängnisaufenthalt aussagen können: Die Dimension der Zeit.

Wenn Lebenszeit verloren geht

So habe er an vielen seiner Häftlinge erstaunliche Gedächtnisleistungen festgestellt: In der Zeit des Strafvollzugs schienen sie sich dauerhaft zu merken, was er, Bausch, nebenher so machte, in welche Talkshows er ging, in welchen Filmen er mitspielte, selbst wie er seine Freizeit gestaltete. „Sie adoptieren das Leben anderer“, sagte Bausch, und machte damit auf die wirklich schmerzliche, auf die schlimmste Seite der Gefängnisstrafe aufmerksam: Sie nimmt die Gelegenheit, einzigartige Momente zu erleben – und sei es nur ein Kino- oder ein Restaurantbesuch. Die Gleichförmigkeit der Tage hinter Gitter ist ja nichts anderes als ein unwiederbringlicher Verlust an Lebenszeit, und eigentlich ist, denkt man einmal genauer darüber nach, keine schlimmere Strafe vorstellbar als genau diese.

Auch Josef Müller, verurteilter Anlagebetrüger und ehemaliger Landsberg-Häftling, sprach vom Gefühl der Ohnmacht, das schon allein darin ein Sinnbild findet, dass Gefängnistüren innen keine Klinke haben. Was aber wird das alles mit Hoeneß anstellen? Die Runde war sich einig, dass er bald in den offenen Vollzug kommen werde, und hieß das auch mehrheitlich gut. Der Journalist Peter Bizer wollte wenigstens skeptisch festhalten, dass das von Hoeneß angekündigte Comeback (“Das war’s noch lange nicht“) ja nicht nur von ihm selbst abhänge, sondern auch von den Mitgliedern des FC Bayern abhänge. „Er wird in sich gehen und nachdenken“, sagte Christian Schertz. Vielleicht erleben wir dann tatsächlich einen demütigeren Uli Hoeneß. Weniger selbstbewusst wird er sicher nicht sein.