Maybrit Illner

„Dem Uli Hoeneß war beim FC Bayern einfach langweilig“

Wird Uli Hoeneß wirklich mit Häme und Hass überschüttet? Gehen wir gerecht mit einem Erfolgsmenschen wie ihm um? Bei Maybrit Illner ging es um viele persönliche Erinnerungen an den Fußballmanager.

Foto: ZDF-Screenshot

Auch Olaf Thon war es aufgefallen, dieses seltsame Gerät, von dem Uli Hoeneß kaum die Finger lassen konnte. Selbst in den nächtlichen Schafkopfrunden, zu denen Hoeneß in seine Villa am Tegernsee einlud, war der Manager des Vereins selten ohne seinen Pager zu sehen, mit dem er auf einem Konto in der Schweiz Millionen verschob. Es war kein Geheimnis, dass er sich für Transaktionen und Geldgeschäfte interessierte. Manche Spieler holten sich Anlagetipps bei ihm. Aber niemand ahnte, in welchen Dimensionen sich abspielte, was Hoeneß da so nebenher tat.

Darum ging es in dieser Gesprächsrunde bei Maybrit Illner: Sich noch einmal einen Reim zu machen auf das psychologische Profil, auf die Abgründe eines Mannes, den wir fast alle so dramatisch falsch oder zumindest einseitig eingeschätzt haben. Sein Charakter allein würde aber noch nicht erklären, warum dieser Fall die Öffentlichkeit noch immer so intensiv beschäftigt. Offenbar kann sie an seinem Beispiel auch etwas über sich selbst lernen.

Wenn großer Erfolg müde macht

Olaf Thon jedenfalls erklärte sich Hoeneß’ krankhafte Zockerei mit einer Unterforderung beim FC Bayern. Da ging kurz ein Raunen durch den Saal, aber Thon konnte das gleich plausibel machen: Hoeneß hatte zu Beginn der 90-er Jahre den FC Bayern nicht nur als Fußballclub, sondern als globale Marke etabliert; er hatte umsichtige Personalentscheidungen getroffen, die dem Verein auch nach seiner Ära die Existenz sichern würden, und er hatte mit seiner fränkischen Wurstfabrik ein weiteres ökonomisches Standbein. Für jemanden, der ständig neue Herausforderungen sucht, war das vielleicht ein Zuviel an Glanz und Perfektion. Er suchte, wie Thon das formulierte, „ein weiteres Spielfeld“.

Dem Journalisten Juan Moreno vom „Spiegel“, der gerade ein Buch über den Fall vorgelegt hat, war dieses Bild zu einseitig. Es spiele eben auch eine Rolle, dass Hoeneß in seinem Leben nie verloren hätte. Er habe einen Flugzeugabsturz überlebt, er habe in der Daum-Affäre triumphiert, er habe immer überall gewonnen und sei aus allem herausgekommen: Das habe bei ihm vielleicht zur Folge gehabt, dass er das auch diesmal glaubte.

Waren seine Wohltaten wirklich immer so diskret?

Sein Kollege Hans-Ulrich Jörges, der sich einen Freund von Uli Hoeneß nennt, betonte die soziale Seite dieses Mannes und nannte zahlreiche Beispiele dafür. Er habe mit ihm einen Fußballclub besucht in der hessischen Provinz, einfach so! Er habe sich um die Probleme der Ribéry-Töchter gekümmert! Er habe gespendet, ohne viel Aufhebens darum zu machen! Na ja, sagte Moreno da, dafür sei die Öffentlichkeit aber doch immer bemerkenswert gut informiert gewesen über die Freigiebigkeit von Uli Hoeneß. Moreno machte eine lustige Rechnung auf: Hoeneß habe einmal 150.000 Euro gespendet und daraus auch in einer Talkshow kein Geheimnis gemacht. Wir wüssten heute, sagte Moreno, dass er damals 150 Millionen auf seinem Konto gehabt habe. Für jemanden mit 4000 Euro hätte die Spendenhöhe entsprechend bei 36 Cent gelegen.

Wenn von sozialen Verdiensten die Rede ist, dann sollte nicht von den Taten geschwiegen werden, die sich gegen das Gemeinwesen richten. Und nichts anderes sei ja eine Steuerhinterziehung, sagte etwa Norbert Walter-Borjans, Finanzminister von Nordrhein Westfalen. Mit dem Geld, das Hoeneß eingestandenermaßen hinterzogen habe, könne man 700 Polizisten ein Jahr lang bezahlen. Das entgeht der öffentlichen Debatte ja sehr leicht: Nicht ein abstrakter „Staat“ oder irgendwelche Beamte sind diejenigen, die Hoeneß geschädigt hat, es sind wir alle.

Eklatanter Mangel an Barmherzigkeit

Und wir alle sind es auch, die über diesen Fall richten. Auch jetzt, nachdem ein Urteil gesprochen worden ist. Dem Psychiater Manfred Lütz war vor allem dies ein Anliegen. Er wunderte sich darüber, dass wir Erfolgspersonen wie Hoeneß zur moralischen Instanz erheben, obwohl es dafür doch eigentlich keine Gründe gebe. Er stellte fest, dass die Gesellschaft ihre Idole und Helden vergöttere, dann aber gewisse „Vernichtungsimpulse“ zeige, wenn sie sich als fehlbar erweisen. Er erkannte darin gewisse Anhaltspunkte für eine „Rebarbarisierung“ des Gemeinwesens.

Für Uli Hoeneß wollte er nicht ausschließen, dass ihm der Aufenthalt in Landsberg ein bisschen Demut lehre, „dass er anders aus dem Gefängnis herauskommt, als er reingegangen ist“. Wie man aber die Gesellschaft lehren könne, mit solchen Fällen wieder barmherziger umzugehen, das konnte auch der kluge Manfred Lütz nicht sagen. Dieses Problem wird uns weiter beschäftigen.