Bei Reinhold Beckmann

„Als ich die Kündigung erhielt, da kam mir die Galle hoch“

Ob Überlastung in der Altenpflege oder Überwachung durch Geheimdienste: Oft sind es Whistleblower, die Skandale aufdecken. Wie gehen wir mit ihnen um? Darum ging es bei Beckmann. Doch wichtige Gäste fehlten.

Foto: ARD Screenshot

Brigitte Heinisch ist weit über Berlin hinaus bekannt geworden. Der Klinikkonzern Vivantes hat die Altenpflegerin im Jahr 2005 entlassen, nachdem sie öffentlich die Überlastung an ihrem Arbeitsplatz kritisiert hatte. „Als ich die Kündigung erhielt, kam mir die Galle hoch“, schilderte sie kräftezehrende Geschichte in der gestrigen Ausgabe von „Beckmann“. In einem aufsehenerregenden Zug durch die Instanzen klagte sie sich über mehrere Jahre bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, der ihr in einem wegweisenden Urteil zum „Whistleblowing“ im Jahr 2011 zubilligte, ihr Verhalten sei von der Meinungsfreiheit gedeckt gewesen. Vivantes zahlte ihr 90.000 Euro, verwandelte die fristlose Kündigung in eine ordentliche und gab ihr noch ein Empfehlungsschreiben mit auf den Weg.

Der Begriff des Whistleblowings – des An- und Aufzeigens von Missständen beim eigenen Arbeitgeber mit dem Risiko beruflicher Konsequenzen – hat es seitdem zu einiger Berühmtheit gebracht. Darum ging es in dieser Sendung: Wie geht die Öffentlichkeit mit dem Geheimnisverrat um? Wie kann man vermeiden, dass Whistleblower für ihren Mut bestraft werden und allein mit seinen Folgen leben müssen? Günter Wallraff war eingeladen, um von seinen Erfahrungen als Investigativjournalist zu berichten – zuletzt hat seine Arbeit ja zu erheblichen Erschütterungen beim Fastfood-Giganten „Burger King“ geführt.

Einigkeit, wo Streit interessant gewesen wäre

Mit Glenn Greenwald war sein amerikanischer Kollege zugegen, der die NSA-Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden öffentlich machte. Er begrüßte, dass es endlich eine öffentliche Debatte über dieses Phänomen gebe – aber genau das war ja gestern das Problem: Eine Debatte fand nicht statt, zumindest nicht in dieser Sendung. Man war sich eigentlich einig darüber, dass man Snowden in der jetzigen Situation helfen müsse: „Es wäre hilfreich, wenn wir sagen würden: Er hat unsere Freiheit verteidigt, jetzt verteidigen wir ihn“, sagte etwa Gerhart Baum, der ehemalige FDP-Innenminister. Auch für Wallraff war der Fall klar: „Hier gehört er hin.“

Dass in seiner Heimat eine Strafanzeige gegen ihn vorliegt und die Bundesrepublik ein Auslieferungsabkommen mit den Vereinigten Staaten hat, das Freie Geleit für ihn also zumindest juristisch problematisch wäre, von politischen Implikationen zu schweigen – das geriet da zur lästigen Formalie. Es wäre schön gewesen, wenn sich ein aktiver Politiker in diese Sendung verirrt hätte– aber womöglich ist das Thema Snowden so kurz vor der Europawahl nicht gerade eins, mit dem man punkten kann. So blieb es bei interessanten Geschichten und Beispielen eindrucksvoller Courage. Wie auch im Fall von Hanna Ziegert, einer forensischen Psychiaterin, die die allzu enge Zusammenarbeit von Gutachtern und Gerichten öffentlich anprangerte und sich den Ruf einer „Nestbeschmutzerin“ einhandelte. Das war spannend anzuhören. Die politische Debatte freilich um das „Whistleblowing“ und seine Folgen wird weiter geführt werden müssen.