TV-Kritik

Als sich Günter Wallraff in Berlin als Discobesitzer ausgab

Sie werden schlecht bezahlt, oft beschimpft und leben stets gefährlich: Die Angestellten von deutschen Security-Diensten waren das Thema der Sendung „Team Wallraff“ – Schlägereien inklusive.

Foto: Oliver Berg / dpa

Sie sind schon lange aus keiner deutschen Stadt mehr wegzudenken: die in der Regel gut durchtrainierten, oft schwarz gekleideten Mitarbeiter der privaten Sicherheitsfirmen. Sie bewachen öffentliche Einrichtungen und private Veranstaltungen, sie begleiten Geldtransporte, bewachen Türen und Bierzelte auf Volksfesten, lenken die Menschenströme bei Fußballspielen und vieles mehr. Nachdem er für seine Sendung „Team Wallraff“ schon (mit weitreichenden Folgen) in Filialen des Fastfoodriesen Burger King recherchieren ließ und (mit eher gedämpfter öffentlicher Anteilnahme) die Zustände in der deutschen Altenpflege vorführte, begab sich Wallraff nun mit seinen beiden Assistenten in die Sicherheitsbranche. Ihn hätten von dort oft Hilferufe erreicht, sagte er.

Und tatsächlich konnte die Sendung eine Reihe von Arbeitsumständen vorführen, die belastend zu nennen noch deutlich untertrieben wäre. Es begann mit dem Einsatz auf dem Münchener Oktoberfest, für den Reporter Torsten Missler nach einem nur fünftägiggen Crashkurs in „Recht, Psychologie und ein bisschen Arbeitsschutz“ für tauglich befunden wurde. Die Aufnahmen seiner versteckten Kamera zeigten dann die Pöbeleien, die Handgreiflichkeiten und ständigen Provokationen, die ein Türsteher an einem Bierzelt auf der Wiesn zu ertragen hat. Doch sie zeigten auch die andere Seite: dass die Sicherheitskräfte selbst zulangen, wenn die Belastung überhand nimmt. Wallraff referierte noch die niedrigen Arbeitslöhne – sie liegen hier bei 8,40 Euro netto die Stunde. Und man hätte gern noch mehr erfahren über dieses Münchener Milieu und seine besonderen Bedingungen, da sprang die Erzählung schon weiter.

Beispiele in Überzahl

Denn das war diese Sendung im besonderen Maße: sprunghaft. Nun wurde gezeigt, wie sich Wallraff verkleidete, um als Arbeitssuchender nicht erkannt zu werden. Er besuchte die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, der das Jobcenter in Frankfurt am Main bewacht. Es stellte sich heraus, dass die Angestellten der dafür zuständigen Firma ihren monatlichen Verdient mit Hartz IV aufstocken mussten – also als Bewacher des Jobcenters zugleich seine Kunden sind. Offen blieb, ob es dafür der Maskerade bedurft hätte. Aber die Sendung eilte weiter: Aus Hamburg meldete sich Wallraffs junger Kollege Thorsten Missler, er war dem Sicherheitsteam in einem Flüchtlingsheim zugeteilt worden. Er dokumentierte den chauvinistischen Führungsstil seiner Vorgesetzten und so manche ausländerfeindliche Äußerung.

Weiter, immer weiter: Wallraff gab in Berlin mit Perücke, künstlichem Bart und Anzug den schwerreichen Discobesitzer, der auch in der Hauptstadt Fuß fassen will. Seine Gesprächspartner, in Stimme und Bild unkenntlich gemacht, erklärten ihm gleich, wie er den Schutzgeldbedürfnissen örtlicher Rockerbanden umzugehen habe. Und sie boten ihm Tarife für ihre Dienste an, die nach Wallraffs Recherchen auf eine Ausbeutung der Angestellten hinauslaufen. Ein anderer Reporter zeigte, wie schludrig mit der Ausbildung an der Waffe verfahren wird, wenn man Sicherheitsmann werden will. In weiteren Einstellungen sahen wir, wie in Berlin ohne vorherige Einweisung tonnenschwere Geldtransporter an Neulinge übergeben werden.

Journalisten interviewen sich selbst

Das alles waren, für sich genommen, denkwürdige Blitzlichter in die düsteren Winkel einer ganzen Branche. Aber es waren eben nur Blitzlichter. So entstand eine Art Parforceritt durch die deutsche Sicherheitslandschaft, bei dessen Tempo man sich zuweilen überfordert fühlte – und der sich mangels erzählerischer Linearität auch oft der etwas peinlichen Szenen bedienen musste, in denen Wallraff seine eigenen Reporter interviewt. Vielleicht hätte die Sendung besser daran getan, sich etwas mehr Zeit für weniger Unternehmen zu genehmigen.