Nach „Burger King“-Kritik

Was ist dran an Günter Wallraffs Nähe zu McDonald’s?

Darmkeime in der Küche und drangsalierte Angestellte: Der Journalist hat schwere Vorwürfe gegen Burger King erhoben. Der Spiegel berichtet nun, dass Wallraff seit Jahren mit McDonald’s zusammenarbeite.

Foto: Sascha Schuermann / Getty Images

Es waren widerliche Zustände, die uns Günter Wallraff vor zwei Wochen vorführte, als er einen Reporter in mehrere Filialen des Fastfood-Giganten „Burger King“ einschleuste. Die Bilder der versteckten Kamera in seiner RTL-Sendung „Team Wallraff“ zeigten, wie Salate munter umetikettiert wurden, um ihr wahres Verfallsdatum zu verschleiern. Sie ließen uns mitansehen, wie ein Mitarbeiter beim Reinigen des Restaurants munter zwischen Toilette und Küche wechselte, als wäre das hygienisch unbedenklich.

Prompt fanden sich in heimlich genommenen Proben dann auch Darmbakterien aus dem Bereich, in dem Pommes frittiert und Burger zusammengedeckelt werden. Darüber hinaus monierte Wallraff die niedrigen Gehälter und die schikanöse Behandlung der Angestellten. Seine Vorwürfe richteten sich an den größten Franchise-Nehmer der Restaurantkette, die türkisch-russische Yi-Ko-Holding mit Verantwortung für über 90 Filialen.

Was folgte, war ein veritabler Shitstorm. Die Empörung über Wallraffs Enthüllungen wurde zum Dauerbrenner in den sozialen Netzwerken und schaffte es bis auf die amerikanische Facebook-Seite von Burger King. Der Konzern kündigte Konsequenzen an und ließ sie schließlich auch folgen: Der Geschäftsführer der Yi-Ko Holding, Ergün Yildiz, wurde von seiner Position entbunden und die erfahrene Systemgastronomin Nicole Gottschalk ersetzt, nachdem das Unternehmen nochmals eine interne Qualitätsprüfung durchgeführt hatte.

In zahlreichen Talkshows und Interviews erläuterte Wallraff sein Vorgehen. Und der Medienjournalist Stefan Niggemeier nimmt in der heutigen Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ den ZDF-Chefredakteur Peter Frey ins Verhör, weil der gebührenfinanzierte Sender aus Mainz dem Wallraffschen Investigativformat nur eine kreuzbrave Testshow entgegenzusetzen wusste, in der Fernsehkoch Nelson Müller mit Freunden den Geschmack der Produkte von McDonald’s mit denen von Burger King verglich.

Wechsel in der Strategie

Ein Detail ist der Öffentlichkeit jedoch verborgen geblieben. Wie der „Spiegel“ berichtet, gibt es offenbar seit Jahren eine Kooperation zwischen Günter Wallraff und dem schärfsten Burger-King-Rivalen McDonald’s. Wallraff hatte für seinen 1985 erschienenen Bestseller „Ganz unten“ unter der Scheinidentität des Türken Levent Sigirlioğlu selbst die Montur eines McDonald’s-Angestellten angelegt und von beinahe identischen Arbeitsbedingungen berichtet, wie sie nun Burger King vorgeworfen werden: Hygienische Mängel, Gefahr am Arbeitsplatz, soziale Kälte.

Nach Jahren der juristischen Auseinandersetzung hat der Burger-Marktführer jedoch seine Strategie im Umgang mit dem unliebsamen Kritiker offenbar geändert. Wie der „Spiegel“ berichtet, gingen die McDonald’s-Leute 2009 auf Wallraff zu, um ihn für die Arbeit im und am Unternehmen zu gewinnen: „Der Kontakt verlief über Karl-Heinz Heuser, er ist Chef der PR-Agentur Burson-Marsteller und betreut McDonald’s seit Jahrzehnten. Ende 2009 traf man sich im Haus von Wallraff. ‚Danke nochmals für das nette Treffen bei Kaffee und Whiskey in ihrer Küche‘, habe Heuser danach per Email geschrieben.

Referate und Videos

Im einzelnen geht es um zwei Veranstaltungen, auf denen Wallraff über die Arbeitsbedingungen in der Branche und über „PR und investigativen Journalismus“ referierte. Zudem habe Wallraff für ein internes Schulungsvideo ein Statement abgegeben, das Material sei allerdings nicht verwendet worden. Die Honorare in Höhe von 3000 beziehungsweise 5000 Euro seien wahlweise an die Günter-Wallraff-Stiftung und an eine „hilfsbedürftige Person“ weitergegeben worden. Außerdem habe sich „ein Informant“ an ihn gewendet und von Problemen im Konzern berichtet, woraufhin Wallraff die Sacher allerdings nicht öffentlich gemacht, sondern der McDonald’s-Führung davon berichtet habe.

Wallraff reagierte mit einer ausführlichen Stellungnahme auf den Vorwurf, aus der Kooperation ergebe sich eine Schonung des Burger-King-Rivalen und vielleicht sogar ein Gefälligkeitsverhältnis zu ihm. „Ich habe zwei Mal auf McDonald’s-Veranstaltungen referiert“, heißt es darin. „Beide Male habe ich mir in meiner grundsätzlichen Kritik an der Fastfood-Unkultur und auch an McDonald’s keine Zurückhaltung auferlegt. Ich sehe nichts Verwerfliches darin, Honorare, die andere in der Regel für sich beanspruchen, an eine wegen ihrer Meinungsäußerung gekündigte Betriebsrätin weitergeleitet zu haben oder für gemeinnützige Stiftungszwecke zu verwenden.“

Hochbetrieb am Meinungstresen

Zum Umgang mit dem Informanten schreibt er: „Ich habe mehrfach Hilfeersuchen von McDonalds-Mitarbeitern weitergegeben, da der Kontakt zum Unternehmen hergestellt war. Ich konnte aufgrund der ersten dort im Interesse der Betroffenen gefundenen Lösungen darauf hoffen, dass jeweils im möglichen Umfang Abhilfe geschafft wurde. Ich interveniere zugunsten von Beschäftigten auch gegenüber anderen Unternehmen auf ähnliche Weise.“ Die Beschäftigung mit Burger King sei außerdem gar nicht seine Idee gewesen, sondern stamme von Alexander Römer, der auch als Reporter in dem Fastfood-Restaurant gearbeitet habe.

In den deutschen Burger-King-Filialen mag es also aufgrund von Wallraffs Recherchen etwas stiller zugehen als zuvor. Am virtuellen Tresen hingegen, wo die Schlachten um Deutungshoheit und Geschäftsinteressen ausgetragen werden, herrscht momentan Hochbetrieb.