Bei „Anne Will“

„Es ist pervers, bei Krimsekt über Geiseln zu verhandeln“

Alle haben Angst vor Putin, nur Gerhard Schröder nicht. Er feierte mit ihm in St. Petersburg, betrieb nebenbei ein bisschen Ukraine-Diplomatie. Darf er das? Die Runde bei Anne Will diskutierte.

Foto: Anatoly Maltsev / dpa

Ein Blick auf die Gästeliste. Entscheidend ist nicht, wer im Studio von Anne Will saß. Sondern wer fehlte. Kein Vertreter der SPD fand sich am Mittwochabend ein. Stellen nicht die Sozialdemokraten den Außenminister?

Gut, Frank-Walter Steinmeier hat im Moment besseres zu tun, als eine Talkrunde zu veredeln. Er hat echte Probleme am Hals. Vier deutsche Geiseln – Angehörige der Bundeswehr – sitzen zur Stunde noch in der Ost-Ukraine fest. Aber die SPD hat ja neben Steinmeier noch den einen oder anderen Vertreter in petto. Doch niemand ließ sich blicken. Warum, wurde schnell klar.

Die Sause von Altkanzler Gerhard Schröder in St. Petersburg ist allen noch frisch im Gedächtnis. Und die herzliche Umarmung mit Wladimir Putin am Eingang des Jussopow-Palais. Wären die vier deutschen Geiseln pünktlich zur Will-Sendezeit freigelassen worden, vermutlich hätte ein SPD-Genosse den Weg ins Berliner Fernseh-Studio gefunden.

Aber noch ist alles in der Schwebe. „Ich finde das pervers“, sagt also Werner Schulz von den Grünen in die Kamera, „bei Krimsekt über Geiseln zu verhandeln.“ Schulz ist Europapolitiker, kennt die Lage in der Ukraine ziemlich genau und ist als alter DDR-Bürgerrechtler alles andere als sowjet-freundlich.

Und überhaupt, Schröder fahre mit seiner Aktion nur dem Außenminister Steinmeier in die Parade. Was gäbe das denn für ein Bild ab, wenn man bei solchen wichtigen Fragen einfach an der bundesdeutschen Regierung vorbeiverhandle? Putin und Schröder, ein Gespräch von Mann zu Mann. Nach dem Motto: „Wladimir, ruf doch mal diesen durchgeknallten Seifenfabrikanten in der Ost-Ukraine an, der sich jetzt zum paramilitärischen Bürgermeister hochjazzt. Und sag ihm, er soll unsere Jungs gehen lassen.“ Da hat Schulz schon recht, das wäre „Kumpanei“. Und nichts anderes.

Das Bild ist schuld

Doch da mischt sich Wladislaw Below ein, der – wie es im Untertitel heißt – „Deutschland-Experte der Russischen Akademie in Moskau“. Er ist nun wirklich ein lupenreiner Putin-Anhänger. „Was wäre“, wirft er bauernschlau in die Runde, „wenn wir das Foto der Umarmung nie gesehen hätten.“ Wenn man Putin und Schröder nicht so innig in diesem kritischen Moment erlebt hätte. Würden wir uns dann auch so aufregen? Irgendwie seien doch alle Partygäste in St. Petersburg, auch Philipp Mißfelder von der CDU, „Opfer“ einer medialen Kampagne. Wir, das Publikum, haben einen unerlaubten Blick in die Hinterzimmer der Macht getan. Nun regen wir uns alle künstlich auf. Er deutet an, so laufe Politik halt.

Auch Gabriele Krone-Schmalz, die ehemalige ARD-Korrespondentin aus Moskau, die noch wegen ihrer strengen Haarfrisur im Gedächtnis haften blieb, spricht von einem „hype“ um diesen Geburtstag, bei dem sie nicht mitmachen wolle. „Wenn die zwei gut miteinander auskommen“, wunderbar. Wenn dabei noch Geiseln freikommen, noch besser. Und CDU-Mann Peter Altmaier, der Chef des Bundeskanzleramtes? Der hält sich den ganzen Abend diplomatisch bedeckt. „Wir arbeiten daran, dass die Männer freikommen.“ Mehr kann er leider nicht sagen. Zu Schröder eh kein Wort. Er bleibt wolkig.

Je länger, desto verworrener

Die Diskussion schreitet voran, doch der Zuschauer bleibt auf der Strecke. Die Lage in der Ukraine ist sehr komplex – eine Wahl am 25. Mai ist geplant, ein Referendum zum 11. Mai, es gab Verhandlungen in Kiew, Treffen in Genf, geplante Abkommen mit der EU. Wer wen steuert? Niemand weiß es genau. Wie viel Kontrolle hat Putin wirklich in der Ost-Ukraine? Eine handfeste Antwort kennt keiner. Und auch Anne Will fühlte sich von diesem Thema wohl eher überfordert. Klar, es ist neu in der Dauerschleife des Talkshow-Geschnatters, das sich ja sonst eher um Rente, Steuer oder Jugendkriminalität dreht. Was passierte also? Anne Will schwieg. Und Gabriele Krone-Schmalz übernahm.

Wenn es an diesem Abend eine Art Geiselnahme gab, dann war es die von Frau Krone-Schmalz, die kurzzeitig die Anne-Will-Sendung enterte und das Ruder übernahm. Keine Frage, Gabriele Krone-Schmalz ist im Thema drin („Ich habe das Dokument gelesen. Und zwar auf russisch.“), der Grüne Werner Schulz auch. Die beiden beharkten sich phasenweise kräftig. Schade, dass wir – die Zuschauer – dabei auf der Strecke blieben. Man kam einfach nicht mehr mit. Aber die nächste Talkshow zur Ukraine kommt bestimmt. Dann sind wir alle besser vorbereitet.