Renaissance Theater

Mit dem „Weißen Rössl“ hat Berlin seinen Sommer-Theater-Hit

In der „Weißen Rössl“-Inszenierung im Renaissance Theater kann mancher bei den Ohrwürmern kaum an sich halten.

Szene aus „Im Weißen Rössl“. Gesanglich sticht besonders Andreas Bieber (M.) heraus – als selbstbewusster, liebeskranker Zahlkellner Leopold

Szene aus „Im Weißen Rössl“. Gesanglich sticht besonders Andreas Bieber (M.) heraus – als selbstbewusster, liebeskranker Zahlkellner Leopold

Foto: imago stock / imago/Scherf

„Der Müggelsee is’ mir lieber.“ Wilhelm Giesecke, Trikotagen-Fabrikant aus Berlin, hat direkt bei der Ankunft schlechte Laune. Die hat er immer, aber jetzt besonders: Kein Aal grün auf der Speisekarte, und dann tragen alle auch noch diese lächerlichen Lederhosen. Mal ganz abgesehen von all den jodligen Liebesgeschichten um ihn herum. Aber nun ist er, auf Wunsch von Töchterchen Ottilie, im Wirtshaus zum „Weißen Rössl“, direkt am Wolfgangsee, den alle so schön finden. Alle außer Giesecke. Berlin hat wieder eine „Im Weißen Rössl“-Inszenierung, realisiert von Regisseur Torsten Fischer am Renaissance Theater. Am Sonnabend feierte das Stück Premiere.

Fischer inszeniert das meistgespielte Musiktheaterstück aller Zeiten zugespitzt als krachend-komischen Zusammenprall der Zivilisationen: Wohlfühl-Alpenseligkeit trifft auf preußische Piefigkeit. Ein großer Spaß ist das und auch wenn der Berliner als solcher nur so mittelmäßig gut dabei wegkommt, konsequent ist es allemal.

Fischer entstaubt die Wohlfühl-Operette kräftig und überführt sie in ein kerniges, zeitgemäßes Volkstheaterstück. Jede Art von Parodie ist dabei erlaubt, Verrat nicht. Und das gelingt glänzend. Ergänzt wird das Original wohldosiert um einige Pointen, etwa zum Einzug des Massentourismus im Idyll: Die Speisekarte gibt es inzwischen selbstredend auch auf Chinesisch und wenn Rechtsanwalt Dr. Siedler, der Gieseckes Erzkonkurrenten vertritt, sich zum Stelldichein ausgerechnet mit Gieseckes fescher Tochter Ottilie zum Schäferstündchen zurückzieht, dann schleudert er schwuppdiwupp sein mitgebrachtes Wurfzelt mitten in den holzvertäfelten Gastraum.

Kaiser Franz Joseph II. mit Falcos „Rock me Amadeus“

Für die Ausstattung zeichnen Heribert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos verantwortlich und sie haben ein zünftiges Lokalkolorit-Idyll geschaffen, mit Holzbänken und Geweih an der Wand. Ganz hinten an der Rückwand öffnet sich das Holzpanel immer wieder, um projizierte Ausblicke auf den See und oben auf den Gipfel und den See freizugeben. Eine wahrlich hübsche Kulisse für Verliebte. Denn wie es sich für ein Lustspiel gehört, gibt’s davon reichlich: Zahlkellner Leopold liebt seine schöne Chefin, die Wirtin Josepha, die es allerdings auf den Juristen Dr. Siedler abgesehen hat, der von Anfang an ein Auge auf Ottilie geworfen hat. Wer jetzt noch fehlt, ist Sigismund, der bekanntlich nichts dafür kann, dass er so schön ist, und sich auf der Zugfahrt ins lispelnde Klärchen verguckt hat.

Sie alle schmachten und sie schmettern dabei all die Ohrwürmer, die so unsterblich sind, dass mancher im Publikum kaum an sich halten konnte. Vor allem bei Sigismund, aber auch bei „Die ganze Welt ist himmelblau“ oder „Es muss was Wunderbares sein“ ließ sich ringsum deutliches Summen vernehmen. Dazwischen eingestreut immer mal wieder ein paar musikalische Überraschungen: Kaiser Franz Joseph II. zum Beispiel bekommt vom musikalischen Leiter Harry Ermer eine adaptierte Fassung von Falcos „Rock me Amadeus“ spendiert.

All das sorgt dafür, dass man zweieinhalb Stunden lang der Realität wunderbar entfliehen kann, ohne dass einem allzu gefühlsduselig dabei werden muss. Auch die Schauspieler treiben den parodistischen Duktus lust- und druckvoll voran und sind dabei sehr präzise überdreht. Allen voran Boris Aljinović als grummeliger, schmerbäuchiger Preuße in Lederhosen, der diese österreichische Welt erst gar nicht und dann nur sehr langsam versteht, woran das Dirndl-Dekolleté von Angelika Milsters Postbotin Kathi nicht ganz unschuldig ist. Der ganze Abend ist glänzend besetzt. Mit Winnie Böwe als resolute Wirtin Josepha, Ralph Morgenstern als Sigismund, Nadine Schori als lispelndes Clärchen, mit Annemarie Brüntjen als Ottilie, Tonio Arango als Dr. Siedler. Und Walter Kreye bringt unter anderem als Kaiser immer wieder auch wohltuende Ruhe in das bisweilen sehr wuselige Treiben.

Das Orchester sitzt zwischen den Darstellern auf der Bühne

Sie alle zeigen sich außerordentlich spielfreudig, singen famos, sind auch in den Gruppenszenen gut aufeinander abgestimmt. Gesanglich sticht besonders Andreas Bieber heraus, als selbstbewusster, liebeskranker Zahlkellner Leopold überzeugt er mit kräftiger, klarer, deutlich am Musical geschulter Stimme.

Das fünfköpfige Orchester sitzt, abgesehen vom Schlagzeug, zwischen den Darstellern auf der Bühne und bedient eine enorme musikalische Band­breite, die von Blaskapellensound über Swing bis hin zu fast kammermusikalischen Streichereinlagen reicht. Am Ende geht es aus, wie es ausgehen muss: Ein jeder hat gefunden, wen er finden sollte, und es wird simultan geknutscht auf den hölzernen Gaststuben-Bänken. Großer Jubel im Zuschauerraum. Berlin hat seinen Sommer-Theater-Hit.

Renaissance-Theater, Knesebeckstraße 100, Kartentelefon:030/ 312 42 02.
Nächste Termine: 4., 5. und 7. Juli, je 20 Uhr.