Theaterstück

Düffel nutzt in seinem Stück die Fußball-WM für Zeitreisen

„Alle sechzehn Jahre im Sommer“ von John von Düffel spielt während dreier Fußball-WMs in der immer gleichen WG. Tobias Wellemeyer inszeniert das Stück am Potsdamer Hans-Otto-Theater.

Foto: Nestor Bachmann / picture-alliance/ ZB

Wer seine Locken lang und Supermini trug, Autoritäten verlachte, Kinderläden und Demos toll, im Stehen pinkelnde Männer sowie Kapitalismus aber Scheiße fand; wer von freier Liebe schwärmte, kokste, „Emma“ und Mao schmökerte, der zählte schnurstracks zur Avantgarde. Und lebte in einer Kommune; zumindest in einer WG mit unbedingt stets offener Toilettentür. So war das in den goldenen Siebzigern im Westen; erst recht in West-Berlin. Und dort, in einer Charlottenburger WG, beginnt John von Düffels dreiteiliges neues Stück „Alle sechzehn Jahre im Sommer“, inszeniert von Tobias Wellemeyer am Hans-Otto-Theater Potsdam.

Düffel, Mitte 40, Dramaturg (jetzt am DT), ein so erfolgreicher wie fleißiger Schreiber von Romanen und Stücken sowie Adapter vieler Romane der Weltliteratur für die Bühne, Düffel untertitelt seinen Bühnen-Dreier „Trilogie des veränderten Lebens“; denn dessen Teile spielen 1974, 1990, 2006; angedockt an die jeweiligen Fußball-Weltmeisterschaften. Das mit dem Sport ist der Vorwand, eine Zeitreise zu installieren, Lebensläufe zu verfolgen. So toben anfangs, anno 1974, links drehende Studenten und noch dazu ein dealender DKP-Freak nebst schwangerer Freundin mit Drogen im Blut sowie Sex und Politparolen im Kopf durchs kleinkriminelle Chaos in der Matratzen-WG.

Bis in die Klamotte

Nach der Pause sind die Matratzen weg, die WG ist vorbei. 1990 herrscht Bürgerlichkeit mit schwarzledernen Sitzgruppen. In der alten WG-Bude residiert mit Sippe allein der Mediziner; man hat Karriere gemacht. Hier nun prallt die alte Clique wieder aufeinander. Ihr ohnehin verkrampfter Traum vom Kollektiv und Triumph paradiesischer Unordnung über enge Ordnung ist längst zerbröselt am ewigen Menschen-Ego. Man ist älter, enttäuschter, vereinzelter und noch viel verlogener. Die Nachgeborenen sind verwöhnte Gören, der Alkoholverbrauch ist gestiegen, der Einsatz von Zynismus und Aggression ebenfalls. Wie die unausrottbare Sehnsucht nach Glück.

Düffel lästert bis zur Pause ätzend ausführlich (die Regie treibt‘s bis in die Klamotte) über das avantgardistisch rot angestrichene WG-Tohuwabohu, um dann dessen Auflösung in die Verbürgerlichung als fatale Regression bloßzustellen. Erst die Raserei auf dem Boulevard der Selbstverwirklichungs-Verrenkungen, dann umso vehementer der Vortrieb ins Absurde des Daseins als Tragödie der vergeblichen Aufbrüche. Der Regisseur folgt dem Autor mit feinem Handwerk und Bedacht auf Unterhaltung. Dabei gerät die Fallhöhe des sich verändernden Lebens etwas unterbelichtet: nämlich die von Euphorie hin zu scheinbar schlauen Kompromissen bis auf den Boden der Ernüchterung.

Dort spielt das Finale, Teil drei anno 2006 vor dem Hintergrund des WM-Sommermärchens, kontrastreich umflort von Tragik: Alles Bürgerliche flog in die Luft und die Sitzgarnitur nebst einigen Lebenslügen auf den Müll. Die Charlottenburger Residenz völlig aufgelöst. Leere. Kälte. Melancholisch, ziemlich verloren, aber ein wenig klüger als die Eltern ihre nun erwachsenen Kinder.

13., 14. 22., 24. April; Karten: (0331) 9188

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