Jochen Alexander Freydank

Das Tagebuch des Berliner Oscar-Gewinners

Er ist gerade erst aus den USA zurückgekommen: Der deutsche Regisseur Jochen Alexander Freydank gewann in der vergangenen Woche den Oscar für seinen Kurzfilm "Spielzeugland". In seinem Tagebuch erzählt er Morgenpost Online, wie er sich gefühlt hat, als auf einmal die ganze Welt auf ihn schaute.

Sonntag, 15. Februar

Ich fliege schon eine Woche vorher. Allein. Ohne meine Freundin Susanne. Wir haben das lange überlegt. Aber du darfst nur wenige Begleiter mitnehmen, und mir war klar: Das wird kein Spaziergang, sondern ganz viel Geschäftliches.

Ich fliege natürlich Economy. Man wird zwar für einen Oscar nominiert, aber Flug, Übernachtung etc., das muss man alles selber buchen, organisieren. Und bezahlen. Doch so eingezwängt, wie ich da sitze, habe ich ein Glücksgefühl: Jetzt geht's los.

Noch am Tag meiner Ankunft gibt es eine Vorführung unseres Films. Das haben wir organisiert. Die Vorführung findet in einem großen Kino in einem der Studios statt. Es gibt ja eine richtige deutsche Kolonie in Los Angeles, vom Goethe-Institut kommen viele und Presse natürlich. Der Andrang ist so groß, dass man den Film gleich zwei Mal zeigen muss. Wieder gibt es sehr emotionale Reaktionen. Das klingt jetzt vielleicht arrogant, was es bitte nicht sein soll: Aber ich weiß, dass die Leute den Film lieben.

Natürlich bin ich nervös. Noch nicht wegen des Oscars. Eher wegen des Thrills, von Deutschland aus in Los Angeles etwas organisiert zu bekommen. Das ist wirklich nicht ohne, vom Catering bis zur Security. Glücklicherweise ist mein Kameramann Christoph Nicolaisen mittlerweile eingetroffen. Gut, dass jetzt noch einer da ist.

Montag, 16. Februar

President's Day. In den Staaten ein Feiertag. Von daher ein relativ ruhiger Tag, um überhaupt richtig anzukommen. Ich muss meinen Jetlag auskurieren und lege mich erst mal schlafen.

Dienstag, 17. Februar

Langsam steigt die Nervosität. Die Academy – die Institution, die die Oscars vergibt – zeigt in ihrem Kino, einem der größten Filmsäle der Stadt, alle nominierten Kurzfilme, erst die fünf Trickfilme, dann die fünf Realfilme. Da sind wir alle, die wir nominiert sind, noch einmal zusammen – wie zuvor ja schon bei dem Nominee's Lunch. Ich finde das schön, sich wieder zu treffen. Konkurrenzgefühle habe ich keine. Es ist eher so, dass das unser gemeinsamer Abend ist. Auch mein Co-Autor Johann A. Bunners ist mittlerweile eingetroffen, wir sind also jetzt zu dritt.

Wenn die Academy lädt, ist es brechend voll. Es sind auch viele wichtige Academy-Mitglieder da.

Ich tröste mich ständig, dass die Oscar-Abstimmungen bereits abgeschlossen sind. Wie immer ich mich jetzt verhalte, selbst wenn ich in ein Fettnäpfchen treten sollte – es kann keine Auswirkung mehr haben. Aber da lauert eine unheimliche Pressemeute auf uns. Ich bekomme eine leise Ahnung davon, was noch so alles auf uns zukommen kann.

Hinterher gibt es noch einen kleinen Empfang von Shorts International, der Firma, die alle nominierten Kurzfilme ins Kino bringt. Die laufen mit etwa 70 Kopien quer durchs Land. Das wünschte man sich hier einmal.

MIttwoch, 18. Februar

Heute stehen erste Meetings mit Agenturen an. Es gibt gute Ratschläge von vielen, die es gut mit mir meinen. Die sagen, du musst unbedingt bis Freitag einen Vertrag unterzeichnet haben, sonst wird das nie was. Aber das ist nicht meine Art, ich lasse mich nicht verrückt machen, sondern unterhalte mich sehr entspannt mit denen.

Donnerstag, 19. Februar

Verschiedene Pressetermine. Ich glaube, ich bringe die schon alle durcheinander. Ein Kamerateam von "Leute heute" interviewt mich gerade auf dem roten Teppich. Um uns herum viele Fotografen und Kameraleute. Plötzlich rennen alle weg, weil Wolfgang Puck erscheint. Der Starkoch, der das große Büfett für die Oscar-Nacht kreiert. Da lässt das Interesse an mir deutlich nach. Ich kenne den gar nicht, aber auf einmal steht er da, und man sagt mir, ich soll ihm mal die Hand schütteln. Dann sprechen wir – auf Deutsch, er ist ja Österreicher.

So richtig spannend finde ich das nicht.

Aber immerhin stehe ich zum ersten Mal auf dem roten Teppich. So eine Art Testlauf. Natürlich ist alles noch Baustelle und mit Folie abgeklebt. Das beruhigt mich: So sieht es halt aus, wenn Kulissen und Technik aufgebaut werden; das ist ein bisschen wie auf einem Filmset. Da sieht man auch: Die Amerikaner kochen auch nur mit Wasser. Allerdings mit etwas mehr Wasser. Es gibt wahnsinnig viele Techniker, die versuchen, einen Oscar anzuschrauben. Und wahnsinnig viele, die die drei Scheinwerfer bewegen. Das ist aber der einzige Unterschied.

Freitag, 20. Februar

Auch heute gibt es noch ein paar Gespräche mit Agenturen. Die ersten sind schon sehr früh auf mich zugegangen, noch als ich in der Vorauswahl unter den letzten zehn war. Die reklamierten einen dann auch schon ein wenig für sich, weil sie einen "entdeckt" haben, bevor die Nominierung bekannt wurde.

Samstag, 21. Februar

Vormittags muss man die Karten für Sonntag abholen. Persönlich, bei der Academy. Da steht man so im Fahrstuhl, und alle fragen: Na, und wofür bist du nominiert? Das ist so verblüffend normal.

Abends dann der große Empfang von German Films. In der Villa Aurora, in der einst Lion Feuchtwanger gewohnt hat. Die ist wundervoll gelegen, mit Blick aufs Meer. Das ist alles noch ein wenig größer als am Mittwoch. Noch mehr Presse. Auch andere deutsche Gesichter. Bernd Neumann hält eine Rede. Bernd Eichinger ist da und Martina Gedeck. Von Herrn Eichinger gibt es nur ein kurzes Hallo. Mit Martina Gedeck plaudere ich etwas länger, sie wünscht mir "toi, toi, toi!". Sie ist sicher auch angespannt, macht aber einen sehr sympathischen Eindruck.

Spät in der Nacht trifft Julia Jäger, meine Hauptdarstellerin, ein. Als Letzte aus unserem Team. Leider zu spät für den Empfang, weil sie noch in Berlin gedreht hat. Julia hatte unglaubliche Angst. Flugangst zum einen. Aber dann auch Angst, der Koffer mit ihrem Abendkleid könnte verloren gehen. Deshalb hat sie es, wenn ich sie richtig verstanden habe, im Flugzeug getragen. Nur zur Sicherheit. Jetzt sind wir komplett. Mit Johannes Bunners habe ich dreieinhalb Jahre an dem Stoff gearbeitet, Julia hat mitgespielt, ohne dass ich dafür eine Gage hätte zahlen können.

Sonntag, 22. Februar

Draußen

Wir gehen relativ früh los. Natürlich aus Nervosität. Aber auch, weil ich denke, das sei ganz gut, um sich zu akklimatisieren. Und es wird einem auch gesteckt, man möge bitte früh eintreffen, weil sonst der rote Teppich geschlossen wird.

Florian Gallenberger, der 2001 einen Oscar für den besten Kurzfilm erhielt, hat mir vor ein paar Wochen einen Tipp gegeben: "Denk an die Stretchlimo!" Weil man sonst nicht mehr wegkommt. Ist ja alles abgesperrt, da fahren keine Taxen. Ich habe das beherzigt. Es ist zwar keine Stretchlimo, aber ein Sedan Lincoln, also so was großes Schwarzes, was viel Benzin schluckt.

Vor dem Kodak Theatre dann ein Riesen-Limo-Stau. Das dauert, bis alle ausgestiegen sind und der nächste Wagen vorfahren darf. Vielleicht 50 bis 60 dieser dicken Dinger sind es, die alle fünf, sechs Checkpoints passieren müssen. Das ist relativ martialisch. Man muss Einladung und Ausweis vorweisen können. Das Warten wird mir zu doof, ich steige jetzt aus dem Wagen. Und treffe einen anderen Nominierten, einen für den besten Dokumentarfilm. Wir wünschen uns gegenseitig alles Gute.

Und dann sind wir wieder auf dem roten Teppich. Diesmal keine Baustelle mehr. Neben Julia steht plötzlich Danny Boyle, der den Film "Slumdog Millionär" gedreht hat. Er tritt Julia kurz aufs Kleid. Schön zu sehen, dass auch andere nervös sind. Ich sehe das als gutes Omen.

Jemand von der Academy kommt und fragt, wer du bist, und weiß dann sofort, wer alles mit dir Interviews führen darf. Da wird man regelrecht durchgereicht. Um uns herum sind natürlich viele, die wesentlich interessanter sind; wir kommen da vergleichsweise glimpflich durch.

Drinnen

Das Kodak Theatre ist ein Riesenkino. Ich sitze, glaube ich, in der 15. Reihe, etwas schräg von der Bühne weg. In den ersten Reihen natürlich die ganzen Stars. Direkt vor uns Seal und Frau Klum. Um uns herum die anderen Kurzfilm-Nominierten, aber auch einer, der für die Tontechnik nominiert ist. Schräg hinter mir die Kostümbildnerin von "Benjamin Button".

Ich bin jetzt doch sehr nervös, von der Veranstaltung bekomme ich nicht wirklich viel mit. Eigentlich mag ich ja keine Werbepausen, aber jetzt bin ich ganz froh darüber, zwischendurch mal raus zu können. Da bin ich auch durchaus nicht der Einzige. Es gibt für solche Fälle seat-fillers, also Platzfüller, die währenddessen deinen Platz einnehmen, damit im Fernsehen keine leeren Sitze zu sehen sind. Es ist etwas merkwürdig zurückzukommen und jemand Fremdes neben Julia sitzen zu sehen. Der steht dann aber auch gleich brav auf.

Jetzt geht es um den besten Kurzfilm. Ich werde erstaunlicherweise ruhiger. Die Nominierten werden genannt, freundlicher Applaus. Bei "Spielzeugland" nimmt der Beifall plötzlich zu. Ich bin ja abergläubisch. Ich wollte auch nichts davon hören, als andere im Vorfeld meinten, der Film sei der Favorit. Einer von fünf - das heißt zu 80 Prozent keine Chance. Aber ich habe so ein Gefühl im Bauch. Das Kuvert wird geöffnet. Was für eine merkwürdige Sekunde. Jetzt wird der Gewinner genannt. Wir haben ja extra den englischen Titel mit angegeben, "Toyland", schön kurz, schön griffig. Aber die Laudatoren sagen es auf Deutsch. Nur können sie's halt nicht. Ich habe da wirklich eine kleine Verzögerung. Bis mein Name fällt. Julia begreift es sogar erst, als ich schon halb auf der Bühne bin.

Ich wollte nie eine Dankesrede vorbereiten. Aber alle sagten, du musst das tun. Ich hab's also getan, aber jetzt auf der Bühne erzähle ich etwas ganz anderes. Bei allen Dankesreden davor habe ich gesehen, wie die Leute auf der Bühne auf einen großen Monitor starren. Da ist eine Uhr drauf, die von 45 auf null runterzählt. Als ich nun selber auf der Bühne stehe, ist das ganz surreal. Ich gucke nicht auf die Uhr. Später sagt man mir, dass ich in der Zeit geblieben sei – und vor allem keinen Unsinn geredet habe. Ich habe es allerdings noch nicht gesehen. Es wird wohl eine Weile brauchen, bis ich mir das angucken kann.

Hinterher wird man hinter die Bühne geführt. Da ist eine Kamera von der Academy, wo man noch mal was sagen soll, obwohl mir nicht mehr viel einfällt. Julia kommt auch nach hinten, das tut gut. Und wir denken an unser Team, dass das gerade live in einem Berliner Kino mitverfolgt. Es gibt noch einen Fototermin und eine Pressekonferenz. Dann darf ich wieder in den Saal. Nun kann ich mir den Rest der Show anschauen – und plötzlich kann ich das richtig genießen. Im Gegensatz zum Anfang.

Danach

Der Kerl ist so schwer. Also: der Oscar. Dreieinhalb Kilo. Ich halte ihn fast die ganze Nacht permanent in der Hand. Das muss das Adrenalin sein, ich bin sonst ja nicht so der Hantelstemmer. Auf den Partys danach stelle ich ihn allerdings mal ab. Man muss keine Angst haben, dass man ihn versehentlich vertauscht. Sollte ich den von Danny Boyle mitgenommen haben, wird das keiner merken. Sie sind nämlich noch gar nicht graviert. Den Oscar – das wusste ich vorher nicht – muss ich bald noch mal einschicken, und dann wird das nachträglich eingraviert.

Der Rest ist ein anderer Film. Ein Rausch. Wir sind auf dem Governor's Ball, die Oscar-Party, auf die man wohl hinmuss. Da gibt's auch das Büfett von Herrn Puck. Mein Handy beginnt schon relativ häufig zu klingeln. Wir gehen noch ins "Sunset Marquis", zur Party von Constantin, wo wir netterweise eingeladen sind. Herr Eichinger gratuliert mir kurz. Und dann geht's ins "Sunset Tower" zur "Vanity Fair"-Nacht. Dort gratuliert mir Kate Winslet. Und Danny Boyle. Auf diese Weise kommen wir unserem Hotel immer näher; wir bestellen die Limousine irgendwann ab. Im Hotel nehmen wir noch einen letzten Absacker. Dort hat man uns ein großes Schild aufgestellt, auf dem "Herzlichen Glückwunsch, Spielzeugland" steht. Auf Deutsch. Allerdings falsch geschrieben.

Montag, 23. Februar

Ab halb sieben klingeln alle Telefone. Und sie sind nicht abzustellen. Es gibt auf dem Zimmer zwei Leitungen; wenn du auf der einen telefoniert hast, klingelt's auf der anderen trotzdem permanent. Aber Schlafen geht sowieso nicht.

Wieder am Flughafen. Mit dem Oscar im Handgepäck. Bei der Sicherheitsschleuse mürrische Menschen, die fragen, ob der echt sei. Als ich das bestätige, werden sie plötzlich ganz freundlich. Und fragen, ob sie denn mal anfassen dürfen. Ich bin dann auch ganz schnell "upgegrated" und sitze plötzlich in der ersten Klasse. Ist natürlich wesentlich schicker als die Thromboseklasse.

Dienstag, 24. Februar

In Tegel werde ich von Polizeibeamten empfangen. Ich denke, das ist doch wirklich nicht nötig. Aber als sich die Tür öffnet und ich den Pulk sehe, bin ich doch irgendwie froh.

Ganz wichtig aber ist, dass auch das Team meines Films da ist, um mich zu empfangen. Die haben sogar einen kleinen roten Teppich ausgerollt, mit Glitzeraufschrift "Oscar". Wir vier sind ja alle einzeln zurückgeflogen. Aber in dem Film steckt so viel gemeinsame Arbeit, dass es mir ganz wichtig ist, diesen Triumph mit anderen teilen zu können. Die bringen mich dann auch nach Hause, zu Susanne und meinem Sohn. Und nun, zum ersten Mal seit wahrscheinlich 48 Stunden, lege ich mich schlafen. Obwohl ich schon die ganze Zeit dachte, dass ich nur träume.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.