"Beautiful Trauma"

Sängerin Pink: "Ich liebe Berlin"

Sängerin Pink über die wechselhafte Beziehung zu ihrem Mann, Berlin und das neue Album „Beautiful Trauma“.

Sängerin Pink lobt die Kunst in der Stadt - und „die freundlichen Menschen“

Sängerin Pink lobt die Kunst in der Stadt - und „die freundlichen Menschen“

Foto: Kurt Iswarienko

Pink, mit bürgerlichem Namen Alecia Beth Moore, kommt bestens gelaunt in die Suite des piekfeinen "Viceroy"-Hotels am Santa Monica Beach. Der 38 Jahre alte Weltstar mit Hits wie "Trouble", "Try" oder "Just Like A Pill" trägt an diesem Tag eine wilde, rockige Mischung aus bekritzelter Jacke, grünem, tiefausgeschnittenen Top, schwarzem Lackrock und langen roten Stiefeln. Sie wirft sich auf das Interviewsofa und legt los.

Anlass des Gesprächs ist Pinks neues Album "Beautiful Trauma", das mit einer Mischung aus Electropop, 90er-Jahren-Einflüssen und angejazzten Powerballaden besticht. So sprunghaft wie die Platte verläuft auch das Gespräch. Zentraler Bestandteil in Songs und Leben aber bleibt: die wechselhafte Liebe zu Ex-Motocross-Profi Carey Hart (42) sowie das Glück als Mutter von Tochter Willow (6) und Söhnchen Jameson (knapp zehn Monate).

Sie waren im August erst in Berlin, um zwei Konzerte zu spielen. War die Familie dabei?

Pink: Klar, alle Mann. Es war wunderbar. Willow kommt jetzt in ein Alter, in dem sie bewusst Sachen wahrnimmt und aufsaugt. Irgendwann sagte sie zu mir: "Mama, hier war früher eine Mauer, und jetzt ist sie weg." Ich habe ihr das dann erklärt, sie war richtig gerührt. Auch das Holocaust-Mahnmal haben wir zusammen besucht. Trotzdem: Wenn wir zusammen unterwegs sind, haben wir hauptsächlich Spaß. Wir waren auf Sizilien, in Budapest, London und Berlin. Sie sagte, Berlin sei ihre Lieblingsstadt. Und meine auch. Ich liebe Berlin. Die Kunst, die vielen Parks und die freundlichen Menschen.

Die freundlichen Menschen? Man sagt den Berlinern einiges nach, aber Freundlichkeit gehört nicht dazu.

Ich fand die Leute total rücksichtsvoll. Wir waren Fahrradfahren, das klappte echt super, weil niemand ruppig war. Wenn du in den USA Fahrrad fährst, kannst du froh sein, es zu überleben.

Ihr neues Album heißt "Beautiful Trauma". Worum geht es in dem Titelsong?

Um mein Leben – ein schönes, traumatisches Durcheinander. Als wir dieses Stück schrieben, wusste ich, so soll das Album heißen. Ich habe den Song zusammen mit Jack Antonoff aufgenommen, das ist einer der liebenswertesten und witzigsten Menschen, die mir je begegnet sind.

Wie ist es denn momentan? Eher schön? Oder eher traumatisch?

Eher schön. Ja, größtenteils schön, würde ich sogar sagen.

Geht es in dem Lied auch um Ihre Ehe?

Ja, es geht um die Liebe und darum, dass du den anderen lieben und hassen kannst. Gleichzeitig. Und da sind wir auch schon bei Carey und mir (lacht). Auseinandersetzungen sind immer wieder ein Thema zwischen uns, es passiert immer noch, dass es zu Explosionen kommt – oder Explosiönchen. Doch wir sind etwas gelassener geworden. Wenn du Kinder hast, kannst du dich nicht mehr gehen lassen und im Haus herumbrüllen.

Viele der neuen Songs thematisieren die Unwägbarkeiten der Liebe. Lieder, in denen Sie nachdenklich wirken.

Das liegt an meinem Naturell, immer alles mit Vorsicht zu genießen. Ich neige dazu, immer mit allem zu hadern und mich zu fragen, wie lange dieses oder jenes wohl noch gut geht. Vielleicht bin ich auch einfach nur realistisch. Wo ist denn das Paar, das sich zu hundert Prozent sicher ist, dass es bis zum Ende zusammen bleiben wird? Ertappen wir uns nie bei der Fantasie, wie es wohl mit einem anderen Menschen wäre? Das sind alles ehrliche Gefühle, die ich in meine Musik einfließen lasse. Und man muss bedenken, dass ich diese Songs über einen Zeitraum von fünf Jahren schrieb. Da gab es genug Momente, in denen ich alles hinterfragt habe.

Sie haben sich in 16 Jahren Beziehung zwei Mal getrennt und sind wieder zusammengekommen. Weshalb ist Ihre Liebe so kompliziert?

Ist die Liebe nicht immer kompliziert? Bei uns gehören die Kämpfe nun einmal zum Leben, und damit auch zur Liebe, dazu. Wenn du ein wirklich leidenschaftlicher Mensch bist, dann schaffst du es einfach nicht, in ständiger Eintracht und so einem sachte plätschernden Flow vor dich hinzuleben. Ich bin ein Mensch, der klare Überzeugungen und zu so gut wie allen Fragen eine Meinung hat.

Und als Mutter? Eher entspannt?

Ich mache mir immer schrecklich viele Sorgen. Ich wäre gern lockerer.

Ist die Familienplanung mit zwei Kindern abgeschlossen?

Sowas von. Eins ist eins, und zwei sind zehn. Als Willow zur Welt kam, blieb ich ein halbes Jahr zu Hause. Jetzt, nach der Geburt von Jameson, habe ich gleich weitergearbeitet, mir praktisch gar keine Pause genommen. Das war echt viel, aber ich liebe meine Arbeit nun einmal.

"Beautiful Trauma" ist Ihr wohl erwachsenstes Album.

Ja, vermutlich ist es das. Ich bin so stolz auf diese Platte. Speziell auf Songs wie "Wild Hearts Can't Be Broken" und "What About Us". Es ist Zeit für aufrührerische Musik.

Sie sprechen mit "What About Us" den sogenannten Abgehängten aus dem Herzen? Sie stammen ja selbst aus Pennsylvania, einem der US-Bundesstaaten, die in diesem Zusammenhang immer wieder genannt werden.

Voll und ganz. Auch das spielt in dem Song eine Rolle. Viele von uns fühlen sich alleingelassen und missachtet. Das darf nicht sein.

Es wird gerade auch nicht besser mit der US-Regierung oder?

Ich beneide die Kanadier so sehr. Kanada macht es besser, viel besser. Oder Länder wie Schweden, wie Norwegen. In der Welt muss es ganz schnell mehr Liebe und weniger Hass geben.

Nach den rechtsradikalen Krawallen von Charlottesville haben Sie einen Kommentar gepostet, in dem Sie die Nazis von heute mit den Nazis im Deutschland der 30er-Jahre vergleichen.

Ich habe Angst, dass wir in den USA gerade diesen Weg beschreiten. Ich bin der Ansicht, dass die schlimmsten Dinge in der Geschichte der Menschheit deshalb passiert sind, weil die Leute glauben, sie können nicht passieren. Wir alle müssen sehr wachsam sein, was unsere Werte wie Freiheit, Gemeinschaft, Toleranz und Menschlichkeit angeht. Ich fühle mich zu einem gewissen Grad verantwortlich, diese Dinge öffentlich anzusprechen. Weil: Ich will keinen Hass und keine Intoleranz in der Welt mehr sehen. Meine Mutter ist jüdisch, ihre ganze Familie sind Juden, die Geschichte darf sich nicht wiederholen.

Ist es Ihnen wichtig, ein gutes gesellschaftliches Vorbild zu sein?

Ich bin nicht perfekt und habe einen ziemlich krassen Sinn für Humor. Doch ja, ich setze mich ein für Liebe statt Hass, für Minderheiten, Homosexuelle, Verfolgte. Die Leute da draußen sollen einfach mir zuhören, dann wird alles gut (lacht laut).

Album "Beautiful Trauma" ab 13. Oktober

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.