Konzert

Neil Young erobert die Berliner Waldbühne

18.000 Fans feierten die Musiklegende unter freiem Himmel. Mit auf der Bühne: seine Mundharmonika und ein bisschen Weltverbessertum.

Neil Young ist Hippie geblieben

Neil Young ist Hippie geblieben

Foto: Getty Images

Der Mann muss niemandem mehr etwas beweisen. Und er will es auch gar nicht. Neil Young, der wertkonservative Weltengrübler, der seinen Ärger über die Gier des Corporate America in brachiale Gitarrensoli packt, macht nur noch das, was er für richtig hält. Und was ihm am meisten Spaß macht. Und wenn es Menschen gibt, denen das gefällt, umso besser. Und die gibt es.

Mehr als 18.000 Fans, die dem 70-Jährigen über die Jahrzehnte die Treue gehalten haben, aber auch jede Menge Nachgewachsene sitzen, stehen und staunen am Donnerstagabend in der feuchtschwülen Waldbühne, als zwei Farmermädchen in Strohhut, Jeans und Gummistiefeln über die Bühne stapfen, Saatgut ausstreuen und Blumentöpfe an der Rampe gießen. Ja, sie säen sozusagen das Feld, das für die nächsten drei Stunden von Neil Young bestellt wird.

Es ist 19.40 Uhr, als Young zunächst allein auf der Bühne erscheint. Es gab Zeiten, da hat er auch immer mal wieder geredet mit seinem Publikum. Inzwischen aber lässt er seine Lieder und Texte für sich selbst sprechen. Wortlos setzt er sich zunächst ans Piano und eröffnet sein Berlin-Konzert mit dem 1970er-Klassiker „After The Goldrush“. Er hat die Zeilen „Look at Mother Nature on the run, in the nineteen seventies” modifiziert durch „in the twentyfirst Century”.

Immer dabei: die Mundharmonika

Die Bühne sieht aus wie eine Rumpelkammer, man kennt das von Neil Young. Vollgestellt mit Instrumenten, Verstärkern und Memorabilien, darunter auch eine lebensgroße, geschnitzte Indianerfigur. Und er leistet sich auch einiges an Technik-Man-Power. Heutzutage sind Scheinwerfer ja meist computergesteuert. Bei Neil Young sitzen an den neun Verfolgerspots hoch droben auf der Traverse neun Lichttechniker, die die Scheinwerfer bedienen. Und nochmal drei im hinteren Teil der Bühne.

Young stellt sozusagen seine eigenen Anfänge gleich an den Beginn. Schon als zweites Stück des Abends spielt er, diesmal zur akustischen Gitarre, „Heart of Gold“ vom 1972er-Album „Harvest“, seinen ersten und einzigen Nummer-1-Hit. Die Mundharmonika ist immer dabei. Er singt das Lied so eindringlich, als habe er es gerade erst erdacht. Nach „The Needle And The Damage Done“, ebenfalls von „Harvest“, wechselt er zu seinem geliebten Harmonium und spielt die Hymne „Oh Mother Earth“, der er den Untertitel „Natural Anthem“ gegeben hat. „Respect Mother Earth and her giving ways, or trade away our children's days”, mahnt er da mit bewegter Stimme.

Und eben darum geht es Neil Young. Um die Natur, um unsere Erde, um unsere Zukunft. Und weil die Menschen so unvernünftig sind, die Natur unüberlegt auszubeuten, legt er immer wieder den Finger in die Wunden, ohne erhobenen Zeigefinger freilich. Aber mit geharnischten Worten. Wie auf seinem Album „The Monsanto Years“, das er im vergangenen Jahr mit der jungen Band Promise of the Real eingespielt hat und das sich gegen den US-Saatgut-Multi Monsanto und Gentechnik in der Landwirtschaft richtet.

Begleitet von Willie Nelsons Söhnen

Er ist ein Weltverbesserer, der weiß, dass er es möglicherweise nicht schafft, die Welt mit seinen Liedern zu verbessern. Aber er versucht es zumindest. Er wettert gegen erfolgsgeile Manager, geldgierige Konzernbosse, legt sich an mit Apple, Chevron, Starbucks oder eben Monsanto an. Neil Young ist ein Hippie geblieben, der die heile Welt der arbeitenden Menschen beschwört und der weiß, dass nur die Liebe Menschen weiterbringen kann.

„Soil“, die gute Mutter Erde, setzt er „Oil“, den Raubbau an ihr, entgegen. So erklären sich auch die säenden Mädchen zu Beginn und die Männer in Gasmasken und weißen Schutzanzügen, die plötzlich auf der Bühne auftauchen und das Areal kurz einnebeln. Nun kommt auch die Band, die Neil Young auf dieser Tournee begleitet. Es ist Promise Of The Real, eine Fünf-Mann-Combo, zu der die Söhne von Countrylegende Willie Nelson, Micah und Lucas, gehören.

Stücke als epische Powerversionen

Der Sound wird rauer und auch Neil Young wechselt von der Akustischen zur E-Gitarre. Von nun an wird immer wieder mächtig Druck gemacht. Aber auch sommerliche Leichtigkeit wird verbreitet. Mit lässiger Geste streifen Young und seine Band durch das Repertoire einer nahezu 50 Jahre umfassen Karriere. Und wie stets bei ihm: Jedes Konzert ist anders. Immer neue Stücke finden Einzug ins abendliche Repertoire. In Berlin etwa das folkrockige „Are You Ready For The Country“ vom „Harvest”-Album oder das relative neue „People Want to Hear about Love” aus „The Monsanto Years”.

Anders als bei seinen Konzerten mit seiner Leib-und-Magen-Band Crazy Horse geht es diesmal weniger brachial zur Sache. Es gibt eingängig folkige Songs wie „Out On The Weekend“ oder „Human Highway“. Auch das bittere „Alabama“ spielen sie. Und „Everybody Knows This Is Nowhere“ oder „Western Hero“. Man spürt, wie diese junge Band und ihr Anführer, der ihr Vater sein könnte, sich gegenseitig inspirieren, antreiben, anstacheln, wie sie sich spontan auf neue Wendungen einlassen, wie sie Spaß miteinander haben.

Aber irgendwann hängt Neil Young sie sich dann doch um, seine schwarze 1953er Gibson Les Paul, die er „Old Black“ getauft hat und mit der er gemeinsam mit Crazy Horse schon jede Menge meditaiven Gitarrenlärms provoziert hat. Dann bekommen die eher folkigen Songs ihren breitwandigen Gegenpart bei Stücken wie „Powderfinger“ oder „Love And Only Love“, das hier in einer gefühlt 20-minütigen Powerversion durch die Waldbühne wabert. Auch „Down By The River“ bekommt an diesem Abend epische Ausmaße.

Und irgendwann spricht er dann doch noch. Die Welt sei zwar aus den Fugen, aber diese Waldbühne sei doch ein wunderbar friedlicher Ort, meint er. Und: „Thank you for being here.“ Zum zugabenlosen Finale gibt es als 25. und letzten Song dieses langen Abend jenes Lied, mit dem Neil 1989 die Politik von US-Präsident George H. W. Bush kritisiert hat, das aber hierzulande auch gern als Hymne auf den Fall der Mauer gesehen wird: „Rockin‘ in the Free World“ bringt die Besucher noch einmal zum gemeinsamen Singen. Die Waldbühne feiert eine Legende.