Klassik

Beim Thema Europa wird Rolando Villazón richtig wütend

Am Freitag hat „Juliette“ Premiere. Rolando Villazón über den Reiz einer kaum bekannten Oper – und wie er nebenbei noch schreiben kann.

Er singt und probt, und dazwischen schreibt er auch noch: Startenor Rolando Villazon

Er singt und probt, und dazwischen schreibt er auch noch: Startenor Rolando Villazon

Foto: © Harald Hoffmann / DG

Am Ende des Gesprächs wird Rolando Villazón dem Reporter ein Taschenbuch mit Erzählungen von Julio Cortázar in die Hand drücken, Deutsch übersetzt. „Viel Spaß beim Lesen!“ Aus dem Fernsehen und von Youtube kennt man die engagierte Zugewandtheit dieses Künstlers – als Opernsänger ist es schließlich sein Job, andere mit Gefühlen anzustecken.

Dass der quirlige Tenor sein Gegenüber auch mit Gedanken für das begeistern will, wofür er selbst intellektuell brennt, kommt eher nicht ins Bild. Das Buch hat Villazón gerade in Berlin für die befreundete Kostümbildnerin Moidele Bickel gekauft, die jedoch kurz vor Villazóns Krankenbesuch verstarb. In der Außentasche seines Freizeit-Jacketts steckt ein weiterer Cortázar, ein alter zerlesener Gedichtband in spanischer Sprache. Villazón hat ihn mit Notizen und Unterstreichungen schier überflutet.

Das Wort „Multitalent“ scheint bei ihm merkwürdig klein

Cortázar, einer der bekanntesten südamerikanischen Autoren fantastischer, auch dosiert surrealistischer Texte. Das ist Villazóns Art, sich mit dem auseinanderzusetzen, was hier in Berlin zur Zeit seine Aufgabe ist: die Aufführung der in der Stadt noch nie gespielten Oper „Juliette“ von Bohuslav Martinů im Schiller Theater – im Gesamtoeuvre des tschechischen Komponisten ein Schlüsselwerk, im weltweiten Opernrepertoire eine absolute Randerscheinung.

Villazón singt – und das passt ihm wohl nicht übel – den Buchhändler Michel, der in einer Traumwelt seine Liebe und zugleich seinen Hass gegenüber seiner einstigen Geliebten Juliette wiedererinnert. Wenig außer Michel ist in dieser Oper konkret und real, alles ist Traum. Es ist ein Text des ebenfalls surrealistischen Dramatikers Georges Neveux aus dem Jahr 1927 – „Juliette oder Der Schlüssel zu den Träumen“.

Villazón bewundert Kozena

Für Villazón ist die Zusammenarbeit mit Daniel Barenboim an diesem unbekannten Stück ein Mysterium: wie der Dirigent die tote, in keines Musikers Ohren noch existierende Partitur lebendig und beweglich macht, darüber zu reden ist Villazón ein Bedürfnis. Und über seine Kollegin in der Titelpartie, die tschechische Sopranistin Magdalena Kozena: „Ich bewundere ihre künstlerische Ernsthaftigkeit!“

Villazóns eigene künstlerische Ernsthaftigkeit gegenüber Martinu beginnt im Hotelzimmer. Er liest und liest und liest: die Surrealisten Cortázar und Neveux, dann den Vater der Bewegung André Breton, in einem Briefwechsel mit Siegmund Freud über Träume. „Es macht nur Spaß, plötzlich in dieser surrealistischen Welt zu sein – zu lesen, was Freud über Träume denkt, was Lacan über Träume denkt.“

„Zuviel denken kann gefährlich sein“

Ist dieser Hunger nach Verknüpfungen, nach Hintergründen notwendig für einen Sänger? Rolando Villazón schüttelt die schwarzen Locken. „Ich glaube nicht, dass ein Sänger ,Die Kameliendame’ lesen muss, bevor er Verdis ,Traviata’ singt.

Er muss das Stück neu kennenlernen. Bereit sein für die Welt, die Dirigent und Regisseur bauen wollen. Das wichtigste für ihn ist eine Vorstellung davon, wie man diese Welt reicher machen kann. Du musst ins Museum gehen und du musst Poesie lesen. Aber zuviel denken kann gefährlich sein für einen Sänger.“

Beim Thema Europa wird er wütend

Villazón muss es wissen. Er war der gefallene Belcanto-Star, der sich vor fast zehn Jahren ein Stimmbandproblem nach dem anderen zuzog – vermutlich nicht nur aufgrund von Überlastung. Zu wach und sensibel nimmt Villazón seine Umwelt wahr. Bei den Themen Österreich und Europa zeigt das eigentlich solide, einst am Colegio Aleman in seiner Heimatstadt Mexiko City erlernte Deutsch Risse, Villazón redet sich in Rage, gestikuliert. „Auf welche Art sprechen wir plötzlich über fremde Menschen! Wir sagen Dinge, die vor 20 Jahren niemand gesagt hätte. Es ist unglaublich gefährlich. Wir können solche negativen Dinge plötzlich beim Biertrinken sagen.“

Villazóns zutiefst empfundenes Entsetzen scheint die Schattenseite seiner kaum totzukriegenden Begeisterung für Menschen, Dinge, Gedanken, Kunst zu sein, die jedem Gesprächspartner sofort das Gefühl gibt, dass dieser Mann stetig an seine Grenzen geht. Ebenfalls hinlänglich bekannt und medial ausgeschlachtet: Der Weltklasse-Sänger mit der empfindlichen Stimme zeichnet Karikaturen, spielt Theater und Zirkus für Kinder und – schreibt Romane. Zur Zeit sitzt er an seinem dritten. Und arbeitet als Opernregisseur. Das Wort „Multitalent“ scheint da merkwürdig klein, denn Singen geht bekanntlich komplett anders als schreiben und inszenieren – oder?

Die Freiheit des Schriftstellers

Villazón nickt. „An der Staatsoper muss ich gerade die Welt meines Regisseur Claus Guth verstehen. Claus hat die Welt gebaut, und ich lerne die Noten. Natürlich kann ich mir überlegen, wie ich diesen oder jenen Satz herausbringe. Aber dann kommt Herr Barenboim und hat Ideen zum Tempo. Dann muss ich wieder eine Welt verstehen, um das umzusetzen.

Es ist eine großartige Welt, aber der Raum für die Kreativität eines Sängers ist schmal. Als Schriftsteller dagegen ist alles offen. Ich glaube, ich lebe in einem Niemandsland. In der einen Welt gibt es nur weiße Blätter, in der anderen ist viel Raum zugestellt mit Ideen, die schon verwirklicht sind.“

Notizen mit Bier

Wann dieser begnadete Sänger eigentlich zum Üben kommt, wird in dem Gespräch nicht ganz klar, wann er schreibt, so halb. „Während der Proben konnte ich nicht schreiben, manchmal am Ende eines langen Tages mit einem Bier einige Notizen.“ Notizen für eine Erzählung über einen gescheiterten Sänger, der bei den Salzburger Festspielen als Komparse arbeitet und sich in ein Zwiegespräch mit Mozart begibt. Ein weiterer Vertreter der Gesangskunst, einer der sensibelsten Künste überhaupt, der nach Sinn sucht und nach Abstand zu seinem Instrument.

Für die Prosa-Reinschrift seines neuen Buchs geht der Autor Rolando Villazón, von dem doch immer noch vor allem eine berückende lyrische Tenorstimme in der Welt bekannt ist, nun wieder auf sein Hotelzimmer. Drei Stunden will er schreiben.

Juliette, Staatsoper im Schiller-Theater, 28.5. 2.6., 5.6.