Tanz

Ein Prunkstück fürs Ensemble: Das Staatsballett mit „Jewels“

Mit Balanchines Choreographie „Jewels“ begeistert das Staatsballett in der Deutschen Oper. Und doch fehlen die Spitzen im Ensemble.

Foto: Bernd Von Jutrczenka / dpa

Betrachtet man das Repertoire einer Ballettcompagnie als Sammlung edler Steine, dann hat sich das Staatsballett Berlin gerade eine besonders auffällig funkelnde Preziose angeeignet: „Jewels“ von George Balanchine. Die opulente Feier des (neo-) klassischen Tanzes wurde am Samstag in der Deutschen Oper vom Publikum begeistert aufgenommen.

Kostbare Kostüme, brillante Ballerinen, mitreißende Melodien: Balanchines „Edelballett“, wie es beim Staatsballett heißt, vereint alle Erfolgszutaten für Ballettliebhaber, denen Glanz und Technik alles, Handlung oder Zeitgenossentum aber nicht so wichtig sind.

Ein Lehrstück fürs Ensemble

„Jewels“ gilt als erstes abstraktes, das heißt: handlungsloses Ballett der Tanzgeschichte. Die drei Akte werden nur durch das Motiv der Juwelen verbunden, sie sind stilistisch extrem unterschiedlich. Balanchine experimentiert mit unterschiedlichen Spielarten des Balletts: französischer Eleganz in „Emeralds“, amerikanischer Spritzigkeit in „Rubies“ und russischer Opulenz in „Diamonds“.

„Jewels“ ist damit nicht nur ein Prunkstück für das Publikum, sondern auch ein Lehrstück für das Ensemble – Balanchines Choreographie aus dem Jahr 1967 stellt für das Staatsballett ein perfektes Bindeglied dar zwischen den klassischen Handlungsballetten auf dem Spielplan und den modernen Stücken von Nacho Duato, Jiří Kylián oder Ohad Naharin. Ballettintendant Nacho Duato setzt damit seine Linie fort, das Ensemble mit unterschiedlichen choreographischen Handschriften vertraut zu machen.

Lupenreine Technik, umwerfende Bühnenpräsenz

Der erste Teil von „Jewels“, „Emeralds“ (Smaragde), ist ein lyrischer Halbstünder zu Faurés „Pelléas et Mélisande“ (1898) und „Shylock“ (1889). Für diesen Akt hat Modedesigner Lorenzo Caprile die Damen in smaragdgrün glitzernde Mieder und wadenlange weiße Tüllröcke gekleidet. Tänzerisch erlebt man hier einen ersten Höhepunkt.

Mit lupenreiner Technik, weich wogenden Bewegungen und einer umwerfenden Bühnenpräsenz empfiehlt sich die Solistin Krasina Pavlova für die Riege der Ersten Solistinnen. Auch Aurora Dickie überzeugt mit elastischer Anmut, nachdem sie die erste Nervosität überwindet. Doch das Publikum fremdelt etwas mit „Emeralds“, das weniger auf Virtuosität denn auf fließende Linien setzt.

Zu ersten Beifallsstürmen reißt der Auftritt von Iana Salenko hin. Die weltweit gefeierte Erste Solistin tanzt die Hauptpartie im jazzig-rasanten „Rubies“ (Rubine), der mit seinen keck-frivolen Posen und den synkopierten Schritten an Broadway-Musicals erinnert. Die Anmutung des Akts ist eine völlig andere: Trikots geben den Damen eine sportlich-mondäne Anmutung, der Bühnenprospekt im Hintergrund zeigt spitze Strahlen (Bühne: Pepe Leal).

Die Pianistin Alina Pronina lässt Strawinskys „Capriccio für Klavier und Orchester“ (1929) mal spritzig perlen, mal hektisch hämmern, wie es die Partitur verlangt – eine erfreuliche Leistung auch des Orchesters der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung von Robert Reimer.

Vollendete Pirouetten, aber es fehlt der Pizzazz

„Rubies“ ist musikalisch wie choreographisch ein Selbstläufer, aber hier offenbart sich doch die Schwäche des Staatsballetts: Es fehlen die Spitzen im Ensemble, wegen Mutterschaften, Karriereenden oder Formschwächen. Also bewältigt Julia Golitsina, aus dem Corps in die solistische Partie aufgerückt, die anspruchsvolle Choreographie an der Seite von Iana Salenko und Dinu Tamazlaracu.

Die Salenko tanzt auch in „Rubies“ technisch hervorragend, ihre Pirouetten sind vollendet. Und doch fehlt ihrem mädchenhaften Kokettieren der souveräne Pizzazz, mit dem man Tänzerinnen „Rubies“ zum Funkeln bringen können.

Ein Traum in weißem Tüll

Die idealere Balanchine-Ballerina ist Shoko Nakamura, ehemals Erste Solistin in Berlin, die als Gast engagiert wurde, um die Reihen im letzten Akt anzuführen. „Diamonds“ (Diamanten) zu Tschaikowsky Symphonie No. 3 (1875) ist ein Tribut an die Prachtentfaltung der russischen Handlungsballette, ein Traum in weißem Tüll.

Mit flatternden Armen, triumphalen Posen und dem grandiosen Schlussdefilee von 16 Paaren, deren Raumwege sich kreuzen, verschlingen und entflechten, erinnert der Akt an die Choreographien von Marius Petipa.

Dem Staatsballett fehlt etwas Glanz

Nakamuras Darbietung in „Diamonds“ ist makellos: Ihre stupende Technik, geradlinige Anmut und glasklare Ausstrahlung werden mit frenetischem Jubel bedacht. Gedacht für eine Besetzung mit 66 Tänzern, kann in „Jewels“ das gesamte Ensemble glänzen.

Mit Bravorufen wird zum Schluss auch das Corps de ballett bedacht. Dieser egalitäre Zug ist neu beim Staatsballett, und er ist nur zu begrüßen. Doch um die klassischen Ballette auf angestrebtem Weltniveau darzubieten, muss demnächst in den ersten Rängen eine Neubesetzung erfolgen. Derzeit fehlt dem Staatsballett etwas Glanz.