Rock

Tschüss Hüftschwung: Das letzte Konzert von Peter Kraus

Er war der deutsche Elvis. Und er lässt es im Tempodrom auch mit 77 noch rocken. Dann soll aber Schluss sein. Ob er das durchhält?

Das Markenzeichen sitzt: Noch immer läst Peter Kraus die Hüfte schwingen

Das Markenzeichen sitzt: Noch immer läst Peter Kraus die Hüfte schwingen

Foto: POP-EYE/Christina Kratsch / POP-EYE

Die Harley knattert. Peter Kraus steigt ab, angeblich ist er gerade mit dem Ding vorgefahren. Um fünf nach acht, in knallengen Jeans, kommt der Rock'n' Roller auf die Bühne. Den Motoradhelm hat er in der Hand, auf seiner Lederjacke glitzern die Nieten. "Tiger" steht da. Eigentlich ist Tom Jones ja der Tiger. Egal. Die Damen bleiben zwar sitzen, klatschen aber länger, als sie müssten, während sich der Sänger zu seinem letzten Berlin-Auftritt verbeugt.

Kraus zwinkert, ein Ausfallschritt und los geht's: "Die letzten Rock'n'Roller sind noch unter euch", ruft er ins Publikum. Sie klatschen höflich zu. Ja und Nein. Sie sind nicht die Letzten. Die neunköpfige Band und zwei Backroundsängerinnen intonieren "Johnny B. Good".

Der deutsche Elvis sieht noch immer gut aus

Kraus kommt mit roter Gibson, imitiert Chuck Berry. Kraus zerbricht die Gitarre. Konfettiregen. Rock'n'Roll von Louisiana bis Tegel. Hinten flimmern alte Autogrammkarten – schwarzweiß der junge Peter mit Gitarre, Sakko, Gelfrisur und tadellos weißen Zähnen. Der deutsche Elvis sieht immer noch ziemlich gut aus. Ob Kraus wirklich noch Harley fährt? Wohl eher nicht.

"Sexy Hexy", im Hintergrund ein Pin-Up-Potpourri. Dann "Sugar Sugar Baby". Als der Song damals rauskam, war der Mann ein Teenie-Idol. Singen durfte er von Babys und Kätzchen, gemeint waren Frauen. Er stimmt "Alle Mädchen wollen küssen" an, im Publikum seufzen sie. Tatsächlich wollten ja alle küssen. Nur durften die Mädchen nicht immer. Heute ist das alles anders, sagt eine Rentnerin in Glitzeroberteil. Dann knipst sie schnell ein Bild von Peter, dem Sugar-Daddy, der zeitgemäß den Text seines Klassikers etwas abgeändert hat.

Der zweite "Bravo"-Starschnitt nach Brigitte Bardot

1959, ein Jahr nachdem der Song erschien, wurde der "Bravo"-Starschnitt geboren: erst kam Brigitte Bardot, dann Peter Kraus. Vorher hat der im Spiegel seinen Hüftschwung geübt. Das Markenzeichen sitzt. Itsy bitsy teenie weenie Honolulu Strandbikini. See und Badekappe. Dann die Geschichte von der Hulaliebe. 60er-Jahre-Schnulzenzelluloid mit Hawaiihemd und Plastikblumenkette.

Das Publikum klatscht. Teenie in Bonbonfarben, Damen überreichen Blumensträuße. Wieder Hüftschwung, Jubel, Kraus singt "Wie ein Tiger". Auf Tiger reimt sich Sieger, klar. Dann kommt Musik von jungen Leuten. Lila Wolken auf Swing getrimmt.

Zuletzt gibt's schwarze Rosen für Rosemarie

Endlich singt er Elvis. Die Tolle hatte Kraus früher auch, nur war sie eben blond. Und sein Auftritt ein weniger biederer als vom echten Elvis. Im Januar wäre der King 80 geworden. Gedenkapplaus. In den Filmeinspielern wirft sich Kraus in eine Hollywoodschaukel und stoppt einen Käfer. Seine erste Rolle spielte er in Erich Kästners "Fliegendem Klassenzimmer". Am Kneipentisch lacht Heinz Erhardt. Der Rock'n'Roller hat sie alle überlebt.

Es ist seine Abschiedstour, Peter Kraus ist jetzt 77. Udo Jürgens stand noch mit 80 auf der Bühne – nicht so bei Kraus. Zweimal hat er sich schon verabschiedet. Nach diesem Konzert soll endgültig Schluss sein mit den Auftritten. Die Zugabe: "Rockin' All Over the World", dann traditionell "Schwarze Rose, Rosemarie". Alle singen mit. Ganz sicher ist sich Kraus mit der Bühnenabstinenz doch nicht. "Sag niemals nie." Zwinkert, und macht seinen Abgang. Tschüss Hüftschwung.

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