Philharmonie

Kent Naganos Wunschkonzert von Wagner bis Strauss

Man sollte nicht zu viele Hits in ein Programm stecken. Kent Nagano tut es in der Philharmonie dennoch. Das klappt ganz ordentlich.

Dirigent Kent Nagano (r.) und die Solistin Miah Persson von dem Deutschen Sinfonie Orchester

Dirigent Kent Nagano (r.) und die Solistin Miah Persson von dem Deutschen Sinfonie Orchester

Foto: Kai Bienert / MUTESOUVENIR | KAI BIENERT

„Erwarten Sie Wunder!“ heißt ein vor anderthalb Jahren erschienenes Buch von Kent Nagano. Dem ehemaligen Chefdirigenten des Deutschen Symphonie-Orchesters ist damit ohne Zweifel ein wichtiges Plädoyer für die Klassische Musik gelungen. Der Titel indes birgt Gefahren: Nagano muss damit rechnen, dass nun sein Publikum Wunder von ihm erwartet. Eine gewisse Erwartungshaltung jedenfalls ist zu spüren an diesem Abend des DSO.

Das könnte auch am Programm liegen, das eindeutigen Wunschkonzert-Charakter aufweist und in der ausverkauften Philharmonie Vorfreude schürt. Ehrendirigent Nagano kombiniert vier sehr beliebte Werke von Wagner, Schönberg, Schubert und Richard Strauss.

Keine Übersättigung

Werke, die man in den letzten Jahren häufig in Berlin hören konnte, aber bislang nicht alle zusammen an einem Abend. Und das hat durchaus seinen Grund: Zu viele Publikumslieblinge hintereinander können zur musikalischen Übersättigung führen, sowohl beim Orchester als auch bei den Zuhörern.

Unter Kent Nagano kommt dieses Gefühl der Übersättigung aber keineswegs auf. In Richard Wagners Vorspiel zu „Tristan und Isolde“ zu Beginn ist das Orchester noch auf der Suche nach gutem Zusammenspiel und Balance. Hörner und Celli wirken überpräsent, die Streicher etwas unterkühlt.

Keine Spur von Verklärung

Bei Schönbergs „Verklärter Nacht“ fällt auf, wie wenig Wert Nagano auf bildhafte Assoziationen legt. Schönbergs Frühwerk klingt wie absolute Musik. Wenn man nicht wüsste, dass der Komponist hier ein Gedicht von Richard Dehmel in Tönen nachvollzieht und überhöht, ein Gedicht, in dem es um Liebe und Untreue, Geständnis und Vergebung geht – wenn man das nicht wüsste, würde man es von Nagano auch nicht erfahren.

Unentschieden schwankt der amerikanische Dirigent zwischen Frühexpressionismus und klassizistischer Spätromantik. Keine Spur von Verklärung in der ersten Konzerthälfte, obwohl Wagner und Schönberg diese Verklärung geradezu offensiv in ihren Werken thematisieren.

Miah Persson kommt bestens zur Geltung

Und Schuberts Siebte Sinfonie nach der Pause, die sogenannte „Unvollendete“? Auch sie kommt ohne Verklärung aus, doch dies nun völlig zu Recht. Gradlinig führt Nagano durch die Partitur. Das DSO musiziert in aller Klarheit. Es ist ein ordentlicher Schubert, handwerklich ansprechend und geisteserfrischend. Erstaunlicherweise klingen Richard Strauss’ abschiedsseligen „Vier letzten Lieder“ danach ähnlich frisch.

Die Schwedin Miah Persson präsentiert ihre kernige, jung gebliebene Sopranstimme. Das DSO atmet Alpenluft. Es wird ein frühlingshafter Strauss, ein Strauss des Aufbruchs, fern jeder Nostalgie. Gegen dieses interessante Experiment ist an sich nichts einzuwenden, zumal Miah Persson gerade auf diese Weise bestens zur Geltung kommt. Eines allerdings sollte das Publikum bei diesem Strauss lieber nicht tun, auch wenn es Naganos Buch gelesen hat: Es sollte keine Wunder erwarten.