Konzertkritik

Berlin stimmt Marianne Faithfull glücklich und traurig

Sängerin Marianne Faithfull gab im Tempodrom ein sehr persönliches Konzert, das man als kluge Bilanz ihres Lebens lesen kann. Ob Schicksal, Glück oder Drogenruin: „Life goes on till the end.“

Foto: Frank Hoensch / Redferns via Getty Images

Berlin ist mein! Man muss Chuzpe haben, um als britische Sängerin ein Konzert mit diesen Worten zu eröffnen. Und Humor, um sogleich den Titel „Give My Love To London“ anzustimmen. Marianne Faithfull hat beides zur Genüge und noch weitaus mehr. Sie ist eine Grande Dame des Rock’n’Roll, eine Ikone, eine Überlebende der Hippiegeneration, eine Wiederauferstandene nach Selbstmordversuch und Drogenruin.

In gewisser Weise ist Berlin übrigens wirklich ihrs, denn hier lernten sich ihre Eltern kennen, bevor sie vor den Nazis ausgerechnet nach Wien flüchteten, wie Faithfull mit sarkastischem Lachen erzählt. Wenn sie sagt, sie sei sehr glücklich, hier zu sein, es mache sie im Grunde glücklich und traurig zugleich, dann ist das mitnichten eine Allerweltsansage.

Dem Eröffnungsstück folgen das brüchig-orchestrale „Falling Back“, geschrieben zusammen mit Anna Calvi, der 35 Jahre alte Klassiker „Broken English“ mit seinem rastlosen Bass, und selten performte Songs wie der beschwingte „Witches Song“ oder bluesrockend „The Price Of Love“. Natürlich ist es Faithfulls unnachahmliche Stimme, mürbe und lädiert, schauerlich melancholisch und betörend direkt, die aus jedem Stück erst macht, was es ist. Selbst aus einem Lied wie „Marathon Kiss“. Eine schmalzige Rockballade könnte es sein, doch Faithfull überreicht stattdessen ein erschütterndes Stück Liebesschmerz auf bittersüßen Harmonien.

Faithfull kann auch mal die Märchenoma geben - und alle hören zu

Egal, was Faithfull tut, sie tut es mit soviel Würde, mit soviel Uneitelkeit, so wissend, dass man ihr einfach an den Lippen klebt. Sie kann nach „Mother Wolf“ mit der dicken Brille auf der Nase wie eine Märchenoma in ihrem Sessel sitzend über das Politische in Rudyard Kiplings Dschungelbuch schwadronieren, das sie zu dem Stück inspirierte. Sie kann anschließend mit aller Grandezza ihre Crew vom Lichtmann bis zum grandiosen Ed Harcourt an den Tasten vorstellen, der das Tempodrom wohl fast allein füllen könnte. Und sie kann dabei locker zehn Minuten vergehen lassen ohne dass ein einziger Ton gespielt wird und kein Mensch wird auf die Idee kommen, dass das langweilig wäre.

Die Zeit für einige unsterbliche Hits kommt ohnehin. Spöttelnd teilt Faithfull ihr Konzert in verschiedene Ecken ein und in der „Sixties Corner“ findet sich selbstredend der von Mick Jagger und Keith Richards komponierte Song „As Tears Go By“. Mit keinem anderen startete Faithfull 1964 ihre Karriere und auf der Tour zu ihrem fünfzigjährigen Bühnenjubiläum darf er nicht fehlen. Das Publikum darf ihn sogar im Chor zu Ende singen.

Hinter dem Mikrofon steht ein Stuhl auf der Bühne, in den sich Faithfull ab und zu setzt, denn nach einem erst langsam verheilenden Knochenbruch fällt ihr das Stehen immer noch schwer. Aber auch darüber frotzelt sie mit ihrem staubtrockenen Humor herum und plaudert sich im Kreise ihrer vierköpfigen Band weiter von Song zu Song.

Wegen „Sister Morphine“ verklagte sie Mick Jagger

Wir sind in der „Junkies Corner“ angelangt und die wird mit dem unerlässlichen „Sister Morphine“ von 1969 eröffnet, ein Megahit auch für die Rolling Stones, um dessen Mitautorenschaft Faithfull einst erst einen Rechtsstreit mit Mick Jagger führen musste. Eine Version spielt die Band wie einen Trip im Zeitraffer: Vom angsterfüllten Schwelgen über depressive Exzesse bis zu erlösten Harmonieschwaden dehnt sich das Klangbild. Nur sehr wenige können so eine bittere Hommage derart glaubhaft singen.

Nur wenige auch haben noch so wenig Hoffnung, was unser aller Zukunft angeht. Faithfull spricht das im Anschluss an „Sister Morphine“, kurz vor Ende des Konzerts, offen aus. Im übrigen sei sie aber nicht politisch, kokettiert sie, sie mache sich nur Sorgen um ihre Enkelkinder. Ob die je einen Baum zu Gesicht bekommen würden. Politischer geht es allerdings kaum, natürlich weiß Faithfull das. Allein wie aufrichtig sie durchs Leben geht, grenzt schon an Revolution.

Ihre so überreichliche Lebenserfahrung fasst Marianne Faithfull in mitunter ergreifend schlichte Worte. „Life goes on until the end“ – nach dem Superhit „The Ballad Of Lucy Jordan“ enden die Zugaben und der Abend mit dieser schwermütigen Textzeile, die aus Faithfulls Mund so weise klingt. Längst steht der ganze Saal und zollt einer ganz Großen seinen Respekt.