Konzertkritik

Paolo Nutini begeistert Berliner Fans in der Columbiahalle

Sänger Paolo Nutini hat Soul und eine unglaubliche Energie - vor allem eine sensationelle, raue Stimme. Mit seinen emotionalen Stücken verzückte er 3500 Menschen in der Columbiahalle.

Foto: Frank Hoensch / Redferns via Getty Images

Dieser Typ steht unter Strom. Dieser Bursche hat Soul. Die Energie quillt ihm aus jeder Pore. Gerade mal gefährliche 27 Jahre alt ist der schottische Sänger und Songschreiber Paolo Nutini, doch seine raue Stimme, klingt, als hätte er sein Leben längst gelebt. Ach was, drei davon. Mit „Scream (Funk My Life Up)“ eröffnet er am Dienstagabend sein Konzert in der Columbiahalle. Der 3500-Plätze-Saal ist prall gefüllt und wogt im emotionsgeladenen Groove, den der schlaksige Sänger und seine neun Musiker vorgeben.

Gerade mal drei Alben hat er in den vergangenen acht Jahren veröffentlicht, allesamt mit Platin veredelt. Das neueste, „Caustic Love“ heißt es, erschien vor kurzem nach fünf Jahren Pause. Paolo Nutini lässt sich Zeit mit seiner Musik. Fast Food ist nicht seine Sache. „Good Evening“, ruft er nach dem beseelten „Let Me Down Easy“, auch eines der neuen Stücke, in die Halle, hebt sein Glas und schickt ein „Cheers!“ hinterher. Mehr als die Hälfte des Programms wird von neuen Stücken bestimmt. Sie liegen ihm am Herzen. Und das altersmäßig bunt gemischte Publikum nimmt sie dankend entgegen.

Lieber Musik statt Fish-&-Chips-Imbiss

Als Sohn einer schottischen Mutter und eines italienischen Vaters in Paisley geboren, scherte er schon früh aus der Familientradition aus. Die Eltern führen in vierter Generation einen Fish-&-Chips-Imbiss in Paisley und der Wunsch lag nahe, dass der Sohn das Geschäft übernehmen wird. Doch der war längst an die Musik verloren, versuchte sich zunächst an schottischen Folksongs und verzehrte sich an der Musik von David Bowie oder Joe Cocker, den Beatles oder Oasis. Gerade mal 18 Jahre war er alt, als er seinen ersten Plattenvertrag in Händen hielt.

Er singt „Coming Up Easy“ vom 2009 erschienenen „Sunny Side Up“-Album, eine lässig pulsierende Ballade mit Sixties-Flair. Seine Band The Vipers stärkt ihm auf coole Weise den Rücken. Drei Bläser gehören dazu, zwei Gitarristen, ein Keyboarder, Bass, Schlagzeug und eine Chorsängerin. Selbst bei zeitgemäß poppigsten Melodien schwingt immer die Kraft des Soul mit, Nutini schwelgt und phrasiert wie einst die Großen von Sam Cooke über Ben E. King bis zu Otis Redding. Der weiße schottische Entertainer hat seine Lektion in Sachen Black Music gelernt.

Imposante Lichtregie in der Columbiahalle

Der Sound in der Columbiahalle ist, wenn man nicht gerade unter dem Balkon steht, von erster Güte. Die Lichtregie ist aufwendig und imposant, sechs zusätzlich auf der Bühne postierte Scheinwerfer, die an gewaltige Trommeln erinnern, sorgen für atmosphärische Momente. Dem Zufall wird hier nichts überlassen. Selbst im etwas ruhigeren Mittelteil, in dem Nuntini auch zur Akustikgitarre greift, ist dieses unruhige Kribbeln, diese unbändige Lebenslust zu spüren. Wie bei „Better Man“, einer neuen Ballade, in der er „That girl makes me wanna be a better man“ schmachtet und die sich mit Chorgesängen auftürmt wie ein Gospelsong.

Er findet Halt am Mikrofon, ist keiner, der sich viel bewegt auf der Bühne. Wenn er singt, hat er die Augen meist geschlossen und hört ganz auf seine Emotionen, kehrt sein Innerstes nach außen. Aber nie zu viel davon. Der bewegende neue Song „Iron Sky“ steht am Ende dieser großartigen 90 Minuten. Das Stück ist ein Aufruf, die Angst zu überwinden für ein Leben in Frieden, eingebettet ist die Rede Charlie Chaplins aus „Der große Diktator“: „You, the people, have the power to make this life free and beautiful, to make this life a wonderful adventure.“ Der Applaus ist hingebungsvoll und langanhaltend.

Natürlich kehren Paolo Nutini und Band noch einmal zurück zu einem längeren Zugabenteil, in dem es neben „Tricks of the Trade“ und „Candy“ als letztes Stück auch seinen ersten großen Erfolg „Last Request“ vom Debüt-Album „These Streets“ gibt. Er singt die Ballade allein zur Gitarre, dieses Liebeslied von der letzten Nacht mit einem geliebten Menschen, bevor sich beider Wege trennen. Pärchen liegen sich im Publikum in den Armen. Paolo Nutini weiß, wie man Emotionen schürt, er ist eine Ausnahmeerscheinung im so gefällig und beliebig gewordenen Popgeschäft. Ein Glück, dass es Typen wie ihn noch gibt.