Konzert

Ndidi Onukwulu bringt den „Dark Swing“ nach Berlin

Die Dunkelheit in Ndidis Musik kommt vom gebrochenen Herzen, mit dem Album verarbeitet sie eine Trennung. „How long must we wait for things to get a little bit easier?“, fragt sie im Quasimodo-Club.

Foto: Universal Music Jazz

In den 20ern galt das „Delphi“, in dessen Keller der Quasimodo-Club liegt, einmal als Mekka des Swing. Frauen tanzten mit glimmenden Zigaretten, Männer kamen mit Hosenträgern, Hemd und glänzenden Schuhen. Es gab Schampus und Absinth und man stolperte im Morgengrauen nach Hause. Heute hängen hier Fotos von den Jazzlegenden, die Stimmung ist gesetzt, es gilt andächtiges Lauschen und Rauchverbot statt mondäner Partylaune. Ndidi Onukwulu, die Frau, die heute auf der Bühne des Quasimodo auftritt, präsentiert Ihr Album „Dark Swing“. Ndidi hat keinen Fascinator in den Haaren stecken, aber ihr schwarzes Kleid verströmt immerhin einen Hauch der Goldenen Zwanziger. Feine Stickerei verdeckt Ndidis Dekollete, dazu schwingt ein Plisseerock. Die Sängerin kommt aus Kanada, hat nigerianische und deutsche Wurzeln und hat einige Zeit in New York gelebt.

Bei Dark Swing, das kann man sich ausrechnen, ist ein Konzertabend natürlich nicht ganz so lustig und unbeschwert, wie man sich ein Swing-Event gemeinhin vorstellt. Düstere Melodramatik wird genreübergreifend ja vorliebend mit dem französischen „noir“ beschrieben, inzwischen gibt es Swing-noir oder auch Pop-noir. Das Wort schmeckt verrucht und bittersüß und malt Geschichten in schwarz/weiß wie im Namensgebenden ‚Film noir’, wo Licht und Schatten komponieren und sich zartbittere Stimmung erst so richtig entfalten kann.

Wenn im Film ein Lichtstreifen ins Zimmer fällt, um das Profil der Protagonistin zu erhellen, flammt kurz ein Hoffnungsschimmer auf. Vielleicht ist ja doch noch was zu machen! Aber natürlich gibt es im Film noir am Ende kein Happy End, genauso wenig wie in Ndidis Swing, denn der ist nicht nur noir, sondern dark, fast schon zappenduster. Die Dunkelheit in Ndidis Musik kommt vom gebrochenen Herzen, mit dem Album verarbeitet die Kanadierin eine Trennung. Die Produktion von „Dark Swing“ nutzte die Sängerin als Karthasis, die sich um folgende Frage dreht: „How long must we wait for things to get a little bit easier?“ Ganz schön lange mitunter...

Schmerz braucht seine Zeit

„Engine gone cold“ sei ein ziemlich persönlicher Song, erzählt Ndidi. Und dann singt sie doch überraschend unbeschwert davon, dass Schmerz eben seine Zeit braucht. Aber wer durch so schwere Zeiten geht, der müsse nach dem Licht am Ende des Tunnels Ausschau halten, rät die Sängerin. Und so bluesig und schmerzvoll die Stücke auch klingen, als Ndidi beim Refrain ankommt spült der Lagerfeuerblues, den Schmerz einfach weg. So pessimistisch, wie zu vermuten war, klingt also längst nicht alles, was Ndidi heute vorträgt. Insbesondere die Jam-Einlagen, die sie und die Band einlegen, enthalten durchaus fröhlichem Missisippiblues. Dass der Verlust einer Katze mindestens genauso schrecklich sein kann wie eine zerbrochene Beziehung, erklärt Ndidi noch grinsend und schreit dann den Frust über die verschwundene Katze heraus, als ginge es um ihr Leben.

Im Sugarman-Cover, dem Titelsong zur Rodriguez-Story – dem vergessenen Star, der in Südafrika genauso berühmt war wie Bob Dylan – geht es um verlorene Hoffnungen, leere Straßen und kalten Staub, der einem ins Gesicht fährt. Aber Ndidi singt so sanft von ihrer Vorfreude auf den Sugarman, dass man die trübe Großstadtszenerie gar nicht wahrnimmt. Das Koks, das der Sugarman für Rodriguez in den Taschen hatte, ist in ihrem Fall Sehnsucht, die bekanntlich genauso süchtig machen kann. Ndidis „Noir“-Moment, der mit dem kurzen Hoffnungsschimmer, kommt wenn sie „Yer So Bad“, geschrieben von Tom Petty singt. Der Song ist auf Pettys Album Full Moon erschienen, das auch selbstbewusste Nummern wie „Free Falling“ oder „I Won’t Back Down“ im Angebot gehabt hätte. Ndidi besingt aber lieber den bekannten Zwiespalt unglücklicher Liebe und belässt die Hoffnung im Halbschatten. „I've got you to save me, aaw yer so bad. Best thing I've ever had“. Love noir, eben.

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