Berlinale

„Leonora Addio“: Ein Toter sucht seinen richtigen Platz

| Lesedauer: 2 Minuten
Eberhard von Elterlein
Irrfahrt mit einem US-Jeep: Der Delegierte der Kommune Agrigent (Fabrizio Ferracane) mit Pirandellos Urne in der Holzkiste.

Irrfahrt mit einem US-Jeep: Der Delegierte der Kommune Agrigent (Fabrizio Ferracane) mit Pirandellos Urne in der Holzkiste.

Foto: © Umberto Montiroli

In „Leonora addio“ begleitet Paolo Taviani die absurde Reise von Pirandellos Asche von Rom nach Sizilien. Da kriegt jeder sein Fett ab.

Luigi Pirandello mag nicht mehr. Der Nobelpreisträger liegt im Sterben, und er verfügt, dass sein Leichnam in Rom verbrannt und die Asche in einer Urne in seiner sizilianischen Heimat eingemauert wird. Klingt erstmal vernünftig, schließlich handelt es sich um einen der größten Dramatiker des Landes.

Doch wir befinden uns im Italien des Jahres 1936, und die Faschisten haben erstmal nichts Besseres zu tun, als den Leichnam des Autoren eher schmucklos in Rom hinter steinerne Wände zu bringen. Erst zehn Jahre später wird ein Delegierter von Pirandellos Heimatstadt Agrigent (Fabrizio Ferracane) damit beauftragt, die Urne des Literaten nach Sizilien zu bringen. Womit eine absurde Reise beginnt.

Zweite Regiearbeit ohne Bruder Vittorio

„Leonora Addio“ ist nach „Eine private Angelegenheit“ der zweite Film, den der große italienische Regisseur Paolo Taviani ohne seinen ebenso berühmten, 2018 verstorbenen Bruder Vittorio inszeniert hat. Ging es in „Una questione privata“ noch um eine poesievolle Darstellung des Partisanenkampfs gegen die Faschisten in der Endphase des Kriegs, ist in der „Leonora“ nun der große Weltenbrand vorbei, und das wahre Leben zeigt seine Tücken. Grotesk, abgründig, als Zerrbild.

Die amerikanischen Befreier? Unfähig, die Überreste des Schriftstellers nach Sizilien zu fliegen, weil die anderen Passagiere ob des Toten in der Holzkiste fluchtartig das Flugzeug verlassen. Die Italiener? Benutzen die Kiste in der Eisenbahn einfach als Unterlage für ihr Kartenspiel. Die Priester? Wollen den nun in eine schicke griechische Vase abgefüllten Toten nur in einem Sarg segnen! Die Sizilianer? Können sich beim Trauerzug in Agrigent das Lachen nicht verkneifen, weil Pirandellos Asche nun in einem Kindersarg liegt.

Ein sizilianischer Junge ermordet ein Mädchen mit einem Nagel

Und dann gar nicht mal ganz in das endliche Behältnis hineinpasst. Weswegen die Rest-Asche auf einer Zeitung landet, was dem Film die freche Volte erlaubt, nun in Pirandellos Novelle „Der Nagel“ zu gleiten, die auf einer Zeitungsnotiz entstand und vom Mord eines sizilianischen Jungen an einem Mädchen in New York erzählt.

Es geht um Italiens Nachkriegstrauma zwischen Auswanderung und Neuorientierung, Verlust alter Werte und Allpräsenz des Todes, die Taviani mit diversen Ausschnitten Wochenschauen und Meisterwerken des Neorealismus so gefühlvoll und virtuos montiert, dass da mindestens ein Regiepreis fällig ist.

Termine: 16.2. 15 Uhr Cubix; 17.2. 12 Uhr Berlinale-Palast; 19.2. 13 Uhr FSP; 20.2. 17.30 Uhr Urania.