Filmfestival

Im Kinosessel einmal um die ganze Welt reisen

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Eberhard von Elterlein
Läuft als Sonderscreening: „Parallele Mütter“ von Pedro Almodóvar mit Ana (Milena Smit, l.) und Janis (Penélope Cruz).

Läuft als Sonderscreening: „Parallele Mütter“ von Pedro Almodóvar mit Ana (Milena Smit, l.) und Janis (Penélope Cruz).

Foto: Sudiocanal

Die 16. Ausgabe des Festivals „Around the World in 14 Films“ zeigt Arthouse-Kino von Norwegen bis Bolivien - und Oscar-Kandidaten.

Berlin. Natürlich kann man einfach nur mit dem Zeigefinger über einen Globus fahren. Das ist die sparsame Variante. Man kann eine Reise mit dem Kreuzfahrtschiff machen. Das ist dann die teure Version. Oder sich einfach in den Kinosessel fallen lassen. Das ist mit Sicherheit die schönste Art einer Weltreise. Jetzt wieder. Mittlerweile zum 16. Mal.

Alljährlich lädt in Berlin das Weltkinofestival „Around the World in 14 Films“ zur cineastischen Rundreise durch die Welt ein. Nach dem pandemiebedingten Ausfall 2020 freuen sich die Festivalleiter Bernhard Karl und Susanne Bieger nun umso mehr, dass sie vom 2. bis 11. Dezember zu einer physischen Veranstaltung einladen können – wohl noch gerade rechtzeitig, bevor eventuell auch die Kinos von der vierten Corona-Welle überrollt werden und schließen müssen.

Und noch eine gute Nachricht: Neben der Kulturbrauerei sind erstmals das Delphi Lux und das Neue Off als Spielorte dabei. Auf dem Programm: „14 Filme im „14 Films-Wettbewerb“, umrahmt von 14 „Special Screenings“, darunter 5 Deutschland- und 22 Berlin-Premieren, alle entdeckt in Sundance, Cannes, Locarno, Venedig und San Sebastián 2021“, wie Karl und Bieger erfreut mitteilen. Das Beste vom Festival-Jahrgang 2021 also. Dazu werden in bewährter Tradition die einzelnen Filme von „Paten“ vorgestellt.

Cannes-Preisträgerin in Berlin

Und gleich der Eröffnungsabend an diesem Donnerstag hat es in sich: Denn dann wird die Norwegerin Renate Reinsve jenen Film persönlich vorstellen, für den sie bei den Filmfestspielen in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde. „The Worst Person in the World“ erzählt in zwölf Kapiteln plus Prolog und Epilog den Irrweg einer Studentin durch den Alltag in Oslo zwischen wechselnden Studienfächern, diversen Jobs und zwei verschiedenen Männern.

In der schönsten Szene des Films von Joachim Trier stürmt die gerade wieder einmal frisch verliebte Dreißigjährige durch die Innenstadt, während sämtliche Menschen zu Standbildern einfrieren. Bildideen wie diese und das ausdrucksstarke Gesicht von Renate Reinsve, in dem sich zwischen Tränen, Verzweiflung und purer Freude die ganze Gefühlswelt einer jungen Frau nach dem richtigen Platz im Leben spiegelt, machen den Film zu einem Ereignis. Nicht umsonst ist „The Worst Person in the World“ Norwegens diesjähriger Oscar-Kandidat.

Geisteraustreibung in Bolivien

Um den Oscar für den besten ausländischen Film konkurriert auch „El Gran Movimiento“ aus Bolivien. Und größer könnte der Gegensatz nicht sein, wie das eben auf einer Weltreise zwischen zwei verschiedenen Kulturen so ist.

Zwar spielt auch der Film von Kiro Russo in der Hauptstadt des Landes. Doch während im norwegischen Beitrag die Protagonistin den Takt Oslos zu bestimmen scheint, wird der arbeitslose Bergarbeiter Elder (Julio César Ticona) von den Hochhäusern, Märkten und Gassen von La Paz geradezu aufgefressen – und krank.

In dessen hohem Fieber vermutet der rätselhafte Landstreicher Max (Max Eduardo Bautista Uchasara) den Teufel und versucht diesen, mit Kräutern und Gesang zu vertreiben. Ein hypnotischer Filmtrip mit Geistern in Form eines weißen Hundes, grellen Scheinwerfern im Dunklen und am Ende stakkatohaften Schnitten, den man als Kritik an sozialen Missständen im modernen Bolivien oder einfach als Hommage an das Kino als Hort der (Alp-)-Träume und freien Assoziation verstehen darf.

Auf der Jagd nach einer Sekunde im Kino

An Assoziationen fehlt es auch in Zhang Yimous neuem Film „One Second“ beileibe nicht. Doch waren sie offenbar so bedeutungsvoll gesetzt, dass die chinesische Zensur den Film 2019 kurzfristig vom Wettbewerb der Berlinale zurückzog. Jetzt feiert das Drama des chinesischen Star-Regisseurs („Die rote Laterne“) in einer passenderweise um eine Minute (!) gekürzten Form Deutschland-Premiere.

Und ist doch noch allegorisch genug. Da jagt ein aus einem Arbeitslager geflohener Mann im China der Kulturrevolution als winziger Punkt in einer riesigen Wüste seinem großen Traum nach – im nächsten Kino eine Sekunde (!) der aktuellen Wochenschau zu sehen.

Von Almodóvar bis Lady Di

Doch bevor ihm dieser zutiefst romantische Wunsch in Erfüllung geht, muss er sich mit einem Waisenmädchen herumschlagen, dass die Filmrollen klaut und verkaufen will – und mit „Mr Movie“, dem fehlerlosen, obrigkeitshörigen Filmvorführer, der ihm den Film nur zeigt, um ihn dann an die Sicherheitsbehörden zu verraten.
Was muss es die Filmkunst während der Kulturrevolution schwer gehabt haben? Filmrollen liegen im Staub und werden in einer liebevollen Zeremonie auf Wäscheleinen aufgehängt, mit destilliertem Wasser gewaschen und Fächern getrocknet. Gezeigt werden nur Propagandafilme, und wer eine Filmrolle auf der Straße findet, macht aus ihr einfach einen schicken Lampenschirm. Zhang Yimou hat eine äußerst liebevolle Hommage an das Kino gemacht. Eine sehenswerte Zeit- und Weltreise.

Filme aus dem Tschad und Kroatien, Iran und USA, Israel oder Äthiopien runden das Programm ab, ergänzt durch Special Screenings wie Pedro Almodóvars „Parallele Mütter“ oder Kristin Stewarts Performance als Lady Di in „Spencer“, die beide als Deutschland-Premiere zu erleben sind. Man kommt also ganz schön rum in diesen zehn Kino-Tagen.