Film

Familienehre mit Flamenco-Tönen: Der Disney-Spaß „Encanto“

| Lesedauer: 3 Minuten
Eberhard von Elterlein
Willkommen zurück: Mirabel (mit Brille) im Kreis ihrer Familie rund um Oberhaupt Abuela (mit Kerze).

Willkommen zurück: Mirabel (mit Brille) im Kreis ihrer Familie rund um Oberhaupt Abuela (mit Kerze).

Foto: dpa

Der 60. Animationsfilm von Disney spielt im kolumbianischen Dschungel: „Encanto“ entführt in die magische Welt der Familie Madrigal.

Disneys Animationsfilme verzaubern uns alljährlich in fremde Welten. Mal sind sie uns irgendwie vertraut, weil wir sie schon als Märchen gelesen haben („Schneewittchen“, „Dornröschen“, „Alice im Wunderland“). Mal sind sie einfach nur exotisch: von der tapferen (realen) Indianerfrau Pocahontas bis zum mutigen Mädchen Mulan im mittelalterlichen China.

Dass der globale Disney-Konzern dabei neue, große Märkte erschließt, ist ein angenehmer Nebeneffekt. So zielt der Konzern mit seinem 60. Spielfilm „Encanto“ zielsicher auf den südamerikanischen Markt – und schafft dabei den Spagat, nicht nur in eine sehr exotische, sondern auch sehr märchenhafte Welt einzutauchen, in der uns wirklich nichts vertraut scheint.

Willkommen also in der magischen Welt der Madrigals, die mitten im kolumbianischen Dschungel in dem Dorf Encanto ein Haus besitzen, in dem sich für jedes seiner Mitglieder an einem Tag der Initiation eine magische Tür öffnet, um eine bestimmte Gabe zu empfangen.

„Encanto“: Kerze schenkt der Familie Magie

Dank einer dauerbrennenden Kerze, die die Familien-Älteste Abuela vor 50 Jahren bei ihrer dramatischen Flucht aus ihrer Heimat erhielt und deren Dauerleuchten im Giebel des Hauses Abuela seitdem mit Güte und Strenge bewacht. Es geht schließlich um die Wahrung der Familien-Ehre.

Umso schlimmer, dass sich bei der Initiation der quirligen Mirabel vor Jahren die Tür nicht öffnete – die ungeschickte Brillenträgerin blieb also ohne Gabe im Gegensatz zu ihrer bärenstarken Cousine Luisa, die zehn Esel auf einmal tragen kann, oder ihrer Schwester Pepa, über deren Kopf stets eine Wolke schwebt, weil sie das Wetter machen kann.

Dafür kann Mirabel die Wahrheit sagen. Und als sie in einer Vision die Zerstörung des Hauses Madrigal sieht – mit zerstörten Ziegeln und ausgeblasener Kerze –, will natürlich niemand der so toll-magischen Tanten und Cousinen und Schwestern dem Tollpatsch glauben. Bis sich für diese dann doch eine Tür öffnet – und sie dort in einer zerklüfteten Felsenlandschaft hinter das dunkle Geheimnis des Hauses kommt.

„Encanto“: Rollende Maiskolben, tanzende Kacheln

So weit, so fremd dieses magische Madrigal-Märchen – und dabei doch so faszinierend. Weil die Regisseure Byron Howard und Jared Bush daraus ein peppiges Latino-Musical machen, mit einer großen Bandbreite von Flamenco, Tango bis Latino-Pop, deren feurige Rhythmen allein schon zum Wippen im Kinosessel einlädt, während die Songtexte nach guter Musical-Art Einblicke in die Charaktere verschaffen. Dazu tanzen die Kacheln, rollen die Maiskolben und klappern die Treppenstufen, dass es eine wahre Freude ist – es ist eben ein beseeltes Haus.

Mit dem Aufdecken des Geheimnisses bekommt diese heile Welt dann ein paar sehr wohltuende Kratzer, denn durch den Verlust ihrer Magie werden die Familienmitglieder zu fehlbaren Menschen – und Mirabel ihr Retter.

„Du bist mehr als deine Gabe“, singt dann selbst Abuela – und nimmt den Außenseiter in die Gemeinschaft auf. Die Botschaft wird jeder gern hören, der sich je als Ausgestoßener gefühlt hat. Und schon rückt die ferne kolumbianische Welt ganz nah – in einem der spannendsten Disney-Animationsfilme ever.


AnimationUSA 2021, 103 min., von Byron Howard und Jared Bush