Film

Als #Metoo noch ein Fremdwort war: „Last Night in Soho“

| Lesedauer: 4 Minuten
Eberhard von Elterlein
Spiegelbild der Heldin: Sandy (Anya Taylor-Joy) macht dank ihres Förderers Jack (Matt Smith) Karriere in den sechziger Jahren.

Spiegelbild der Heldin: Sandy (Anya Taylor-Joy) macht dank ihres Förderers Jack (Matt Smith) Karriere in den sechziger Jahren.

Foto: Universal / Focus Features

Modestudentin erlebt sich im heutigen London als Sängerin der Sixties: „Last Night in Soho“, verführerischer Thriller mit Schwächen.

Spiegelungen und gespaltene Persönlichkeiten, zerbrochenes Glas und kaputte Seelen, Doppelgänger und die Angst, verrückt zu werden. Der Psychothriller hat im Film viele stilistische Mittel anhäufen können, um den Horror im Kopf zu visualisieren, aber der Spiegel als Eben- und Gegenbild, Orientierungs- und Fluchtpunkt, zweite Ebene und Erinnerungsort hat in 125 Jahren Kino nichts von seiner Faszination eingebüßt.

Auch Edgar Wright bedient sich in seinem neuen Film „Last Night in Soho“ nahezu lustvoll an dem Spiegelmotiv. Er ist quasi ein eigener Charakter, so häufig sieht man hier in ihn hinein und durch ihn hindurch.

In diesem betrachtet sich Eloise „Ellie“ Cooper (Thomasin McKenzie) zu Beginn, wenn sie in ihrem Zimmer in Cornwall zwischen Petticoat und Plattenspieler die Swinging Sixties aufleben lässt, bevor es sie zum ersehnten Modedesign-Studium ins coole London zieht. Im Spiegel sieht sie aber auch ihre tote Mutter, die dort einst die dunkle Seite der Carnaby Street erlebte.

Dienstleistung im Hinterzimmer

Und ja, sie wird später – es wird also immer düsterer und beängstigender – eine andere Frau sehen, die blonde Sandy (Anya Taylor-Joy), die im Rialto Theater der 60er-Jahre jenen Traum auslebt, den die brave Eloise mit ihren erdfarbenen Blumenmuster-Blusen zwischen all den coolen Schnepfen am London College of Fashion vor allem des Nachts auslebt.

Dann, wenn das Rotlicht von draußen lüstern in das old fashioned apartment ihrer merkwürdigen Vermieterin Miss Collins (Diana Rigg in ihrer letzten Rolle) hinein blinkt. Dann steht sie vor Sandy auf der Bühne, wenn diese vielsagend „Puppet on a string“ vor gegelten, rauchenden Männern singt, um dann ins Hinterzimmer gebeten zu werden, wo weitere Dienste verlangt werden, denn wir sind in den 60ern, und #MeToo ist da nicht mal ein Songtitel aus der Jukebox und Hashtag noch ein Fremdwort.

Glänzende Übergänge von der Jetztzeit in die Sixties

Da nützt es natürlich auch nichts, dass Eloise ihr Alter Ego hinter dem Spiegel zuschaut und warnend von der anderen Seite an die Scheibe klopft. So zerrieselt hinter dem Spiegel szenenweise nicht nur Eloises Traum von der heilen Carnaby Street, ihrer kunterbunten Flucht- und Traumwelt. Die dunkle Seite schleicht sich von der Vergangenheit herüber und macht sich in grauen, gesichtslosen Männer-Monstren an ihrem Bett zu schaffen, bis ein Mord geschieht.

Das ist natürlich großes Filmfutter für Simon Wright, der sich schon in „Baby Driver“ als eleganter Choreograph von Actionszenen erwies, mit einem Feuerwerk aus Bewegung, Glanz und Klang. Und er kann sich gerade in den Übergängen von der Jetztzeit in die sechziger Jahre stilistisch austoben, wenn seine Eloise nur durch eine dunkle Seitengasse in Soho gehen muss, um in der Glitzerwelt von Nierentischen und goldenen Spiegeln zu landen. Das ist visuell und akustisch brillant und macht die Verführung der Swinging Sixties sinnlich erfahrbar.

Vorbilder bei Roman Polanski und Nicholas Roeg

Aber im Laufe des Films überlagert der coole Style die Logik. Zu unheilraunend tritt immer wieder ein grauhaariger, namenloser Fremder mit Geheimnis auf, zu sehr delektiert sich Wright an seinen filmischen Vorbildern von Polanskis „Ekel“ (der Horror hinter der Wand) bis zu Nicolas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, wenn er Eloise hinter Sandy und ihrem weißen Kleid im Getümmel von Londons Nachtwelt hinterherjagen lässt. Dazu scheinen die Männer-Monstren eher einer billigen Horror-Show entlehnt, kommt die Auflösung des zunehmenden Wahnsinns der Heldin recht erwartbar daher.

Trotzdem ist der Film allein wegen seiner überaus starken Hauptdarstellerinnen eine Augenweide, die sich hier mit den Alt-Stars des britischen Kinos von Terence Stamp bis Rita Tushingham ein hübsches Generationenduell liefern. Die sehen hier im Spiegel des Kinos ihre würdigen Nachfolger.

Thriller, USA/GB, 117 Minuten von Simon Wright mit Thomasin McKenzie, Anya Taylor-Joy, Diana Rigg.