Film

Pasolini-Film: Todkranker Mann sucht Familie für seinen Sohn

| Lesedauer: 2 Minuten
Eberhard von Elterlein
Nicht nur die Schirmmützen verbinden sie: Michael (Daniel Lemont) mit seinem Vater John (James Norton).

Nicht nur die Schirmmützen verbinden sie: Michael (Daniel Lemont) mit seinem Vater John (James Norton).

Foto: Piffl

Ein todkranker Fensterputzer sucht für seinen Sohn verzweifelt eine Pflegefamilie: „Nowhere Special“ ist rührend, ohne kitschig zu sein.

John (James Norton) schaut während seiner Arbeit ins Leben anderer Menschen hinein. Als Fensterputzer hat der Mittdreißiger einen freien Blick in fremde, schicke Kinder- und Wohnzimmer und sieht, was er nie haben wird. Heile kleine Welten.

John kommt aus der Arbeiterklasse und trägt Tattoos und Schirmmütze. Sein einziger Aufstieg ist der tägliche mit der Leiter auf seinem Pritschenwagen hinauf zum Glück der Anderen und sein einziger Labsal sein vierjähriger Sohn Michael (Daniel Lemont), den er allein erzieht, nachdem dessen russische Mutter das Weite gesucht hat. Allein: John ist todkrank und hat nur noch wenige Monate zu leben, weswegen er nun mit der Sozialarbeiterin Shona (Eileen O’Higgins) verzweifelt nach Pflegeeltern für Michael sucht.

Perfekte Chemie der Hauptdarsteller

„Nowhere Special“ ist ein kleines Filmwunder. Statt auf rührselige Worte und jaulende Streicher setzt Regisseur Uberto Pasolini ganz auf die Chemie seiner beiden brillanten Hauptdarsteller. Wenn der Vater seinem Sohn mit dem Läusekamm durch die Haare fährt, sie Eis essen oder Kerzen für eine Geburtstagstorte aussuchen, verschmelzen die zwei Personen auf so anrührende Weise, dass es keiner großen Worte bedarf. Es genügen kleine Blicke voller Glück, auch auf das der Anderen, dann mit Sehnsucht gemischt.

Pasolinis Trick besteht dabei darin, häufig die unschuldige Perspektive des Kindes einzunehmen. So spielt die Krankheit des Vaters – von der Michael nichts wissen darf – tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle; und doch findet der Film eine zarte Annäherung an den Tod, als Michael etwa einen leblosen Käfer findet. „Der Körper ist nur eine Hülle“ sagt dann John, und auch er werde bald seinen Körper verlassen und im Regen zu finden sein.

Sinnfällige Bilder

So poetisch-reduktionistisch erzählt Pasolini eine höchst ergreifende Vater-Sohn-Geschichte. Mit kleinen sinnfälligen Bildern wie dem Balancieren auf einer Fahrbahnmarkierung oder dem Blick durch das Gitter einer Brücke auf den Autoverkehr da unten wird das Fragile und Endliche ihrer Beziehung en passant deutlich. Das nordirische Belfast mit seinem bewölkten Himmel und seinen schmucklosen Straßen gibt dazu die entsprechende Kulisse.

Drama Italien/Rumänien/England 2020 96 min., von Uberto Pasolini, mit James Norton, Daniel Lemont