Film

NS-Vorwürfe gegen Berlinale-Gründer Alfred Bauer bestätigt

Berlinale-Co-Chefin Rissenbeek: „Bestürzend“: Die Berliner Filmfestspiele stellten die Ergebnisse ihrer Studie über Alfred Bauer vor.

So sah er sich gern: Festspielleiter Afred Bauer begrüßt 1965 die italienische Schauspielerin Gina Lollobrigida in Berlin.

So sah er sich gern: Festspielleiter Afred Bauer begrüßt 1965 die italienische Schauspielerin Gina Lollobrigida in Berlin.

Foto: Konrad Giehr / picture-alliance / picture-alliance/dpa

Es stimmt also: Alfred Bauer, der Gründer und erste Chef der Berliner Filmfestspiele, war tiefer in die NS-Filmbürokratie verstrickt, als er selbst zu Lebzeiten zugegeben hat. Die Nachricht erwischte die Berlinale Anfang des Jahres just zu ihrem 70. Jubiläum kalt.

Ein Hobby-Filmwissenschaftler war bei einer Recherche im Bundesarchiv auf Dokumente gestoßen, die den Verdacht nahelegten, und hatte sich an die Wochenzeitung „Die Zeit“ gewandt. Die hat die Nachricht pikanterweise Ende Januar öffentlich gemacht, just an dem Tag, als die Berlinale ihre Pressekonferenz abhielt.

Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und Programmleiter Carlo Chatrian, die das Festival zum ersten Mal verantworteten, haben aber schnell und klug reagiert: Der Alfred-Bauer-Preis, der nach dem Tod Bauers 1986 zu dessen Gedenken alljährlich an innovative Filme verliehen worden war, wurde sofort ausgesetzt (und wird künftig durch den Preis der Jury ersetzt). Außerdem wurde das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München beauftragt, als unabhängige Kommission die Causa Bauer aufzuarbeiten.

Studienleiter: „Bauer stabilisierte NS-Herrschaft“

Die Ergebnisse liegen nun vor und wurden am Mittwoch von der Berlinale bekannt gegeben. In einer 60-seitigen Vorstudie kommt Professor Tobias Hof zu dem Schluss, dass Bauer, der das Festival ein Vierteljahrhundert lang, von 1951 bis 1976, geleitet hat, „durch seine Tätigkeit bei der Reichsfilmintendanz einen nicht unwesentlichen Beitrag zum Funktionieren des deutschen Filmwesens während der NS-Diktatur und damit zur Stabilisierung und Legitimierung der NS-Herrschaft leistete“.

Für seine Studie hat Hofer zahlreiche Dokumente ausgewertet, vom IfZ, vom Landesarchiv Berlin, vom Bundesarchiv Lichterfelde, von der Deutschen Kinemathek Berlin und der National Archives and Record Administration in Washington.

In der Reichsfilmintendanz, im Februar 1942 von Propagandaminister Joseph Goebbels gegründet als zentrales Organ zur Steuerung der Filmproduktion im gleichgeschalteten NS-Regime, fungierte Bauer als Referent des Intendanten und war damit nicht nur „über die gesamten Abläufe und Vorgänge in der deutschen Filmindustrie und -produktion bestens informiert“, so die Studie, er spielte auch „im Bereich der Produktionsplanung eine zentrale Rolle“.

Bauer verschleierte nach dem Krieg seine Nazi-Vergangenheit

All dies hat Bauer nach Kriegsende nicht nur im Zuge seines Entnazifizierungsverfahren durch „bewusste Falschaussagen, Halbwahrheiten und Behauptungen“ verschleiert, er hat sich sogar als Gegner des NS-Regimes stilisiert. So konnte er seine Karriere in der deutschen Filmindustrie unbeirrt fortführen – und gründete 1951 ausgerechnet jenes Filmfestival, das sich als „Schaufenster der freien Welt“ verstand.

„Die neuen und nun auch wissenschaftlich erforschten Erkenntnisse über Alfred Bauers Verantwortlichkeiten in der Reichsfilmintendanz und sein Verhalten im Entnazifizierungsverfahren sind bestürzend“, sagt Mariette Rissenbeek. „Sie sind aber ein wichtiges Element in der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit von Kulturinstitutionen, die nach 1945 gegründet wurden.“ Womit Rissenbeek das Problem vom Festival weg auf die gesamte deutsche Kulturszene der Nachkriegsjahre ausweitet. Hier gibt es wohl noch einiges aufzuarbeiten.

Peinlich bleibt, dass der Eklat im Februar durch die Einsicht in Akten ausgelöst wurde, die dem Festival früher selbst schon vorgelegen haben, bei einer Chronik ihrer Geschichte zum 50. Jubiläum oder einer Festschrift über Alfred Bauer, die zur 70. Berlinale in der Kinematheks-Reihe „Blicke in die Archive“ erscheinen sollte, dann aber zurückgezogen wurde. So gut und schnell die neue Berlinale-Leitung im Februar reagiert hat, allzu tief sind die Blicke in die Archive davor offensichtlich nie gewesen.