Film

Ruhig und rührend: „Der einzig wahre Ivan“

Der neue Disney-Film „Der einzig wahre Ivan“ sollte eigentlich im August ins Kino kommen. Nun läuft er nur als Stream. Es lohnt sich.

Gorilla im Zirkus: Der einzig wahre Ivan ist die Hauptattraktion.

Gorilla im Zirkus: Der einzig wahre Ivan ist die Hauptattraktion.

Foto: Disney

Diese Zirkus-Tiere befinden sich im Lockdown. Irgendwie. Gorilla Ivan, Straßenhund Bob, Elefantendame Stella, Pudelfrau Snickers und all die anderen Lebewesen – vom Baseball spielenden Huhn bis zur neurotischen Robbe – ziehen ihre kleinen Kreise zwischen Käfig und Arena, wo sie unter den Augen ihres ehrgeizigen Direktors Mack (Bryan Cranston) ihre Kunststücke vor dem Publikum einer Einkaufs-Mall vollführen dürfen. Tagein, tagaus.

Elefantenbaby bringt alles durcheinander

„Ich liebe meinen Job“, sagt Ivan zufrieden und findet es eher lustig, dass die Zuschauer nur den herumschreienden, sich auf die Brust schlagenden Affen sehen wollen. Der Silberrücken-Gorilla, Attraktion des kleinen Zirkus’ der Big Top Mall, akzeptiert sein Schicksal.

Kennt ja auch nichts Anderes. Oder will es nicht. Bis, ja, bis das putzige Elefantenbaby Ruby als Neuankömmling die zunehmend lichter werdenden Zuschauerreihen wieder füllen soll. Und Ivan in die zweite Reihe versetzt wird, wo er sich in Ruhe seinen Kreidestiften zuwenden kann. Denn malen kann er auch, „Der einzig wahre Ivan“.

Diese neue Disney-Produktion hat viel mit dem Lockdown zu tun. Denn nicht nur die Tiere sind hier eingeschränkt in ihrer Bewegung, auch der Film von Regisseurin Thea Sharrock konnte sich nicht frei vom Studio ins Kino bewegen, wo er im August starten sollte.

Die Pandemie sorgte dafür, dass sich der Disney-Konzern vielmehr entschlossen hat, diese Mischung aus Live-Action und computergenierter Animation weltweit ab dem 11. September auf seinem Streamingportal Disney+ (www.disneyplus.com) zu zeigen. Und zwar nur dort.

Nicht der erste Kinofilm nur als Stream

Wie schon „Mulan“, für den aber ein satter Aufpreis von 22 Euro zu zahlen ist, und „Artemis Fowl“, der wie „Ivan“ im normalen Abopaket (6,99 Euro monatlich) enthalten ist. Ein Experiment. Wandert das Kino nun komplett ins Netz? Ersten Marktanalysen zufolge soll es angeblich ein großes Interesse an „Mulan“ geben. Trotz Aufpreis.

Erst am 4. Dezember geht er ins Abo von Disney+. Früher führte die filmische Verwertungskette vom Kino nach Monaten zur DVD. Heute soll sie, geht es nach Disney, vom hauseigenen Stream mit Preis-Aufschlag Monate später zum festen Platz im Abo-Stream führen. Das Kino? Ein verlassener Ort.

Wie der Zirkus zwischenzeitlich im „Ivan“. Doch im Gegensatz zu „Mulan“, der mit seinen aufwendigen Effekten sichtbar für die große Leinwand gemacht ist, tut dem „Einzig wahren Ivan“ das kleinere Format – ob Laptop, PC oder Smart-TV – nicht weh.

Denn die auf einer wahren Begebenheit beruhende Geschichte eines Zirkus-Gorillas hin Richtung Freiheit, ist ein für Disney-Verhältnisse erstaunlich getragener Film geworden. Ohne große, nach der Leinwand schreiende Bilder (Kamera: Florian Ballhaus), ohne raumgreifende Action, ohne große Szenen- und Ortswechsel.

Es geht meist ruhig und rührend zu, wenn sich der kleine Ruby voller Neugier dem großen Ivan nähert („Bist Du ein Affe?“), Elefantendame Stella ihre Weisheiten vom Rüssel lässt („Nicht alle Menschen sind schlecht“) und Hund Bob, einzig quirliges Element in diesem Kammerspiel der Kreaturen, mal wieder vergeblich rät, was Ivan da so gemalt hat („Ein Käfer?“).

Mit den Stimmen von Angelina Jolie und Helen Mirren

Natürlich darf man von einem für die breite Familie gedachten Disney-Film keine Grimme-Preis-verdächtigen Erkenntnisse erwarten. Aber auch so süffelt es sich ganz friedlich und entspannt an der Oberfläche in diesem Film um die großen Themen Familie, Freunde und Freiheit. Dem erwartbaren Ende hin, ohne Schurken und Holter-di-Polter-Action, dafür mit viel Liebe zum Detail, etwas Humor und reichlich Platz für Rührung.

Erwachsene können sich zumindest in der englischen Originalfassung an Stimmen großer Hollywoodstars erfreuen. Sam Rockwell spricht den gemütlichen Ivan und Angelina Jolie die weise Elefantendame Stella; Helen Mirren gibt der eleganten Pudeldame Snickers die gehörige Portion britischen Snobismus, und wer wäre besser für die Rolle des unruhigen Streuners Bob geeignet als der quirlige Danny de Vito?

Dazu werden alle „Breaking Bad“-Fans Bryan Cranston genießen, der leibhaftig zu sehen ist. Sein Zirkus-Direktor Mack ist gnadenloser Dompteur, aber auch liebender Ersatz-Papa. Und passt damit in diesen überaus versöhnlichen Film für einen entspannten Familiennachmittag vor dem elektronischen Endgerät.