Kino

Brad Pitt: „Ich habe gelernt, auch mal Schwächen zu zeigen“

Hollywood-Star Brad Pitt spricht anlässlich seines neuen Films „Ad Astra“ über Männlichkeit, Verletzungen und sein größtes Abenteuer.

Blick nach oben: Ab Donnerstag ist Brad Pit in dem Science-Fiction-Film „Ad Astra“ zu sehen.

Blick nach oben: Ab Donnerstag ist Brad Pit in dem Science-Fiction-Film „Ad Astra“ zu sehen.

Foto: Rodrigo Reyes Marin / dpa

Venedig.  Er ist einer der letzten großen Filmstars unserer Zeit: Brad Pitt. Gerade erst hat er in Quentin Tarantinos „Once Upon a Time ... in Hollywood“ als Stuntdouble von Leonardo di Caprio begeistert. Nun schickt Regisseur James Grey den 55-Jährigen in die Weiten des Weltraums.

In dem unaufgeregten Science-Fiction-Drama „Ad Astra“ reist Pitt als Astronaut Roy McBride bis zum Neptun, um seinen verschollenen Vater zu finden. Weltpremiere hatte der Film bei den Festspielen in Venedig.

Zum Interview auf dem Lido kommt Pitt leger in T-Shirt, Turnschuhen und Schiebermütze, braungebrannt und bestens gelaunt. Er strahlt eine Verbindlichkeit aus, die im Gespräch mit Hollywoodstars eher selten ist.

Berliner Morgenpost: „Ad Astra“ ist Ihr Film, sie sind in nahezu jeder Szene. Wie groß war die Herausforderung, so präsent sein zu müssen und dann auch noch größtenteils allein?

Brad Pitt: Sie haben Recht, es war wirklich herausfordernd. Denn wir wollten ja einen Film über die Unfähigkeit eines Mannes, mit anderen zu kommunizieren, machen. Ja, er war oft allein und auf sich gestellt, aber um diese Unfähigkeit zeigen zu können, braucht er auch ein Gegenüber, mit dem er eben keine Verbindung hat. Das in all den Szenen allein rüberzubringen, war wirklich nicht einfach.

Kommt der Film für Sie zur richtigen Zeit?

Ja, zu 100 Prozent. Früher wäre ich noch nicht reif genug für solch eine Rolle gewesen. Ich glaube auch, dass junge Zuschauer den Film nicht richtig verstehen werden. Man braucht eine gewisse Reife und persönlich erfahrene Verletzungen im Leben. Man muss wissen, was Verlust bedeutet, vielleicht sogar den Verlust der eigenen Kinder oder Eltern.

„Meine Eltern haben mich so erzogen, mich nie zu beschweren“

Haben Sie durch den Film etwas über sich selbst gelernt?

Der Regisseur James Grey und ich sind seit 1995 miteinander befreundet und reden sehr offen miteinander. Der Film gab uns die Möglichkeit, unsere Freundschaft zu vertiefen. Und gewisse Themen anzusprechen, die uns beiden wichtig sind. Männlichkeit zum Beispiel. Und dass es eben nicht männlich ist, seine Gefühle zu verstecken.

Wie hat der Film Ihren Blick auf Männlichkeit verändert?

Meine Eltern waren für die damalige Zeit Pioniere. Sie waren eher ländlich gesinnt, sie haben mich so erzogen, mich nie zu beschweren. Wenn ich mir den Arm gebrochen oder das Knie aufgeschürft haben, musste ich damit klarkommen und einfach weitermachen. Ich habe die Zähne zusammengebissen und den Schmerz irgendwann nicht mehr gespürt. Darin liegt ein Wert, sie wollten aus mir einen echten Mann machen. Zeig keine Schwäche, sei immer stark, versuche respektiert zu werden. Bis zu einem gewissen Grad geh ich da mit. Aber eben nur bis zu einem gewissen Grad.

Bis zu welchem?

Ich habe mit der Zeit zum Glück gelernt, dass es nicht schlimm ist, auch mal Schwächen zu zeigen. Mit einem gebrochenen Arm kann man nicht einfach so weiter machen. Schwieriger wird es mit Gefühlen oder mit Selbstzweifeln. Das sind Dinge, die man erstmal mit sich selbst ausmachen muss. Wenn man das nicht zulässt, dann verleugnet man sich selbst. Um ein guter Partner zu sein, ein guter Vater muss man offen sein und Schwächen zeigen dürfen. Nur wer zu sich selbst fair ist, kann auch zu anderen fair sein und sich auf sie einlassen. Für mich gibt es kein Dazwischen. Ich finde Fassaden immer schwierig. Man sollte nichts verstecken wollen im Leben.

„Ad Astra“ ist konträr zu dem, was Sie gerade erst in Tarantinos „Once Upon a Time ... in Hollywood“ gespielt haben. War das Absicht, oder ist das Zufall?

Es hat sich so ergeben, aber ich weiß, was Sie meinen. Von der Stimmung her könnten die beiden Filme unterschiedlicher nicht sein. Aber sie verbindet auch etwas. Beide Figuren, Roy und Cliff, glauben daran, dass am Ende alles gut wird. Auch wenn sie komplett unterschiedliche Ansätze haben. Roy ist ernst, Cliff ist easy-peasy.

„Ich rede nicht viel. Und nicht gerne“

Und beide reden nicht viel.

Das liegt an mir. Ich rede auch nicht viel. Und nicht gerne.

Was war das größte Abenteuer Ihres Lebens?

Das Leben an sich ist ein Abenteuer, oder? Aber aus den Ozarks (ein Plateau in den zentralen USA, die Red.) nach Los Angeles zu ziehen, war zu Beginn meiner Karriere auf jeden Fall ein großer Schritt. Mein Auto mit meinen Sachen vollzuladen und ins Ungewisse zu fahren. Ich kannte niemanden in L.A., hatte 325 Dollar in meiner Tasche. Das war ein Abenteuer. Und ist es immer noch. Genauso wie Vater sein. Das ist ein großes, verrücktes Abenteuer. Da wird man wirklich getestet (lacht).

Was würden Sie ihrem jüngeren Ich aus den Ozarks empfehlen?

Ich würde ihm das gleiche sagen, was ich mir heute immer noch rate. Es wird schon immer irgendwie klappen.

Das klingt bescheiden – dabei wirkt es, als seien Sie gerade auf dem Höhepunkt ihrer Karriere?

Ach nein. Es fühlt sich nicht anders an als sonst. Ich nehme das ja alles ganz anders wahr als Sie. Es gibt Filme, die werden zum Hit, und es gibt Filme, die werden es eben nicht. Da steckt man nicht drin, aber ich gebe mir für jeden Film gleich viel Mühe. Oder sollte es zumindest tun.

„Ich will gute, komplexe Geschichten erzählen“

Warum lag Ihnen „Ad Astra“ so am Herzen, dass Sie nicht nur die Hauptrolle übernommen, sondern ihn auch gleich produziert haben?

Ich gehe da immer nach meinem Bauchgefühl, verlasse mich auf meine Instinkte. Ich bin da ganz ähnlich wie Cliff Booth in „Once Upon a Time … in Hollywood“. Ich nehme Gelegenheiten, die sich ergeben mit, ohne groß darüber nachzudenken. James Grey und ich wollten schon immer mal gemeinsam einen Film machen, seinen letzten, „Lost City of Z“ habe ich auch produziert. Ich habe ihm einfach vertraut, denn wir wussten beide nicht so richtig, wie groß oder klein dieser Film werden wird. Und um ehrlich zu sein, wissen wir es immer noch nicht.

Was treibt Sie als Produzent an?

Ich will gute, komplexe Geschichten erzählen. Ich bin in den Siebzigern groß geworden, mit den Filmen dieser Zeit. Das ist noch immer meine Messlatte. Die Filme damals waren oft komplizierter als heute, vielschichtiger. Wer ist der Gute, wer ist der Böse? Als Produzent merke ich immer wieder, dass es extrem kleine und extrem große Filme gibt. Aber es fehlt das Dazwischen, die goldene Mitte. Mit meiner Produktionsfirma Plan B versuchen wir, diese Lücke zu füllen. Interessante Filme von interessanten Filmemachern. Das definiert mich als Produzent. „Selma“ zum Beispiel, die Martin-Luther-King-Geschichte, haben wir über sieben Jahre versucht umzusetzen. Erst durch den Erfolg mit „12 Years A Slave“ konnten wir „Selma“ machen. Das war quasi der Türöffner.

„Eine gewisse Art von Filmen verschwindet aus dem Kino“

Sie haben noch nie Interesse daran gezeigt, in einem Superheldenfilm mitzuspielen. Kommt das noch?

Gott bewahre. Ich kann damit nicht so viel anfangen. Ich war auch nie der „Star Wars“-Typ. Selbst als Kind war ich von der klassischen Gut gegen Böse Geschichte gelangweilt. Ich mochte „Alien“. (lacht)

Wird es in 20 Jahren noch Filme wie „Ad Astra“ und „Once Upon a Time ... in Hollywood“ geben?

Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe es. Die Frage ist eher, ob wir noch ins Kino gehen oder alle Filme zuhause auf dem Sofa gucken. Die Filme sind durch die Marketingkampagnen so teuer geworden. Das ist vielen Studios oft zu riskant geworden. Deswegen verschwindet eine gewisse Art von Filmen, mit einer gewissen Größe aus dem Kino und kommt direkt online. Das Risiko verlagert sich. Ich habe das große Glück, beides angeboten zu bekommen. „Once Upon a Time … in Hollywood“ war der einzige Film in diesem Sommer, der nicht auf einer Comicvorlage basierte oder eine Fortsetzung war.

Geben Sie etwas auf die Gerüchte, Sie könnten für „Once Upon a Time ... in Hollywood“ eine Oscarnominierung bekommen?

Nein. Natürlich ist das der prestigeprächtigste Preis, den man als Schauspieler bekommen kann. Aber sobald man anfängt darauf hinzuarbeiten, klappt es nicht. Dann kann man es auch gleich lassen. Jedes Jahr werden tolle Leute ausgezeichnet. Es gibt aber auch jedes Jahr tolle Leute, die nicht ausgezeichnet werden. Wenn ich dabei bin, gut, wenn ich nicht dabei bin, umso besser, denn dann sind Freunde von mir im Rennen. So läuft das in Hollywood.

Gucken Sie sich Ihre alten Filme manchmal noch an?

Nein. Eigentlich nicht. Nur bei Komödien mache ich eine Ausnahme. Wenn die im Fernsehen laufen, bleib ich manchmal hängen.

Ab Donnerstag, 19. September 2019, im Kino.