Neu im Kino

Ein vom Leben enttäuschter Haustyrann

Schauspieler und Regisseur Denzel Washington bringt ein Broadway-Drama auf die große Leinwand: Sein Film „Fences“ ist für vier Oscars nominiert

Männergespräche (v.l.): Stephen McKinley Henderson als Jim Bono, Denzel Washington als Troy Maxson und Russell Hornsby als Lyons im Film „Fences“ nach dem preisgekrönten Theaterstück von August Wilson

Männergespräche (v.l.): Stephen McKinley Henderson als Jim Bono, Denzel Washington als Troy Maxson und Russell Hornsby als Lyons im Film „Fences“ nach dem preisgekrönten Theaterstück von August Wilson

Foto: Photo credit: David Lee / David Lee

Groß sind die Gesichter auf der Leinwand. Es gibt Berge von Dialogen und mächtige Monologe. Nahezu einzige Spielfläche ist der Hinterhof eines ärmlichen afro-amerikanischen Haushalts im Pittburgh der 50er-Jahre. "Fences", der viermal für den Oscar nominierte Film von und mit Denzel Washington, stellt von Anfang an klar: der Text ist hier der Hauptdarsteller. Die Leinwand bleibt die Theaterbühne, für die das Stück in den 80er-Jahren entstanden ist. Eine Öffnung gegenüber cineastischen Stilmitteln war von Anfang an keine Option. Es war die richtige Entscheidung.

Washington hat sich für seine dritte Regiearbeit nach "Antwone Fisher" von 2002 und "The Great Debaters" von 2007 ein Theaterstück des 2005 gestorbenen US-Dramatikers August Wilson ausgesucht, in dem er selbst 2010 am New Yorker Broadway auf der Bühne stand. Wilson gilt neben Tennessee Williams, Edward Albee oder Eugene O'Neill als einer der größten amerikanischen Dramatiker. Das mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Stück "Fences" ist der sechste Teil einer Serie von zehn Theaterstücken, die sich der Lebenswelt des afro-amerikanischen Amerika in jeweils einem Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts widmen. Acht davon wurden bereits am Broadway gespielt. Ins Deutsche übersetzt wurde bisher keines.

Troy Maxson (Denzel Washington) ist ein nicht immer angenehmer Zeitgenosse. Er ist selbstgerecht und larmoyant. Er ist stolz darauf, dass er seine Familie trotz widriger Zeiten ernähren kann. Seit 18 Jahren ist er mit seiner zweiten Frau Rose (Viola Davis) verheiratet. Mit dem gemeinsamen Sohn Cory (Jovan Adepo) und seinem Bruder Gabriel (Mykelti Williamson), der seit einer Kriegsverletzung geistig behindert ist, leben sie in einem Häuschen, um das Troy im Lauf des Stückes einen Gartenzaun errichtet, einer Metapher gleich für sein eigenes ganz auf sich selbst bezogenes Leben.

Nur Weiße dürfen den Müllabfuhr-Laster fahren

Troy arbeitet bei der städtischen Müllabfuhr. Er steht gemeinsam mit seinem besten und einzigen Freund Jim Bono (Stephen McKinley Henderson) hinten auf dem Laster, weil nur Weiße als Fahrer beschäftigt werden dürfen. Er wird im Laufe des Stückes dagegen aufbegehren und wird zum ersten schwarzen Müllfahrer von Pittsburgh – obwohl er weder einen Führerschein hat noch lesen und schreiben kann.

Das Stück beginnt am Zahltag. Wie in jedem Monat hält Troy dann Hof im Garten, genehmigt sich genüsslich Schnaps aus der Flasche und lamentiert über die Ungerechtigkeiten des Lebens. Er war einmal aufstrebender Baseball-Spieler in der "Negroe League", erfahren wir. Er macht allein das weiße Amerika dafür verantwortlich, dass sein Traum von der Baseballer-Karriere zerbrochen ist. Da kann Ehefrau Rose noch so oft einwerfen, dass er einfach zu alt war, um weiter zu kommen – weil er nach einer 15-jährigen Haftstrafe ohnehin ein Späteinsteiger war.

Weil Zahltag ist, kommt auch Jazzmusiker Lyons (Russell Hornsby), Troys Sohn aus erster Ehe, vorbei, weil er sich etwas Geld leihen will. Und wird vom Vater gnadenlos heruntergeputzt. Er hält nichts von Lyons' Lebenswandel. Er lässt es ihn wortreich spüren. Die strenge seines eigenen Vaters hat auch ihn hart gemacht. Die großen Konflikte aber spielen sich zwischen Vater und Sohn Corey und Vater und Ehefrau Rose ab. Corey ist ein ausgezeichneter Sportler und will in die Baseball-Mannschaft, doch Troy verbietet es ihm mehrfach auf herrische, auf schmerzhafte Weise.

Noch schmerzhafter ist seine Beziehung zu Rose, die ihm seit 18 Jahren zur Seite steht. Er achtet sie, er respektiert sie, doch er kann ihr seine Liebe nicht zeigen. Schlimmer noch. Er geht fremd, zeugt mit seinem Verhältnis eine Tochter, deren Mutter bei der Geburt stirbt. Rose wird das Baby schließlich adoptieren und großziehen. Doch die Ehe ist zerstört. Auch Cory wird der Familie entfliehen und geht zur Army. Ein großes, tränenreiches Drama.

Doch auf wundersame Weise ist "Fences" keinen Moment lang gefühlsduselig oder gar kitschig. Was an den großartigen, hoch emotional agierenden Darstellern liegt. Allen voran Denzel Washington als vom Leben enttäuschter Haustyrann und Viola Davis als seine selbstbewusste und sich dennoch aufopfernde Frau.

Denzel Washington, der Regisseur, kann sich auf ein eingespieltes Team verlassen. Er hat einen Großteil des Ensembles dieses mit einem Tony ausgezeichneten Theaterstücks rekrutiert. So war Viola Davis auch am Broadway seine Partnerin. Und auch Stephen McKinley Henderson, Russell Hornsby und Mykelti Williamson entwickelten ihre Rollen in diesem bewegenden Familiendrama für die Leinwand noch einmal neu.

Die Tugenden des Theaterspiels auf die Leinwand übertragen

Natürlich stammt dieser Troy aus einer Zeit, in der sich der Rassismus noch viel offener zeigte als heutzutage. Natürlich gibt es soziale Ungerechtigkeiten, miese Jobs und Ausgrenzung der Hautfarbe wegen bis heute. Nur eben oft subtiler. So ist "Fences" auch heute in den Vereinigten Staaten ein hochbrisantes Stück, auch wenn Troy sich durch all sein Selbstmitleid vorsätzlich all den weißen Vorurteilen ergeben hat.

Denzel Washington hat die Tugenden des intimen Theaterspiels auf die Leinwand übertragen. Die Figuren leben, man fühlt mit ihnen, man leidet mit ihnen, man ist ihnen immer ganz nah. Das ist kein großes Kino, aber große Schauspielkunst, die mitreißt und bewegt. Die Oscar-Ehren scheinen "Fences" sicher.

Drama USA 2016 148 min., von Denzel Washtington, mit Denzel Washington, Viola Davis, Stephen McKinley Henderson, Mykelti Williamson

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