Die letzte Frage

Wie wird in Ihrer Familie gefeiert, Frau Cotillard?

Marion Cotillard ist derzeit in drei Filmen zu bewundern. Mit uns sprach sie über Weihnachten und warum ihr Sohn ihr Zen-Meister ist.

Schauspielerin Marion Cotillard

Schauspielerin Marion Cotillard

Foto: REUTERS / MARIO ANZUONI / REUTERS

Dieses Jahr sind die Feiertage auch so etwas wie Marion-Cotillard-Festspiele. Kaum startete ihre Kriegsromanze „Allied“ mit Brad Pitt, schon kommt die Videospielverfilmung „Assassin’s Creed“ (am 27.12.) in die Kinos, und zwei Tage später das Familiendrama „Einfach das Ende der Welt“. Privat hat die 41-Jährige andere Prioritäten – immerhin steht bald der nächste Nachwuchs an. Doch vielleicht wirkt sie gerade deshalb bei diesem Gespräch im Londoner Claridge’s Hotel so entspannt und gut gelaunt.

Berliner Illustrirte Zeitung: Wir gehen nicht davon aus, dass Sie sich zu Weihnachten ein Videospiel gewünscht haben ...

Marion Cotillard: In der Tat nicht. Ich habe in meiner zarten Jugend viel Mario Bros. gespielt, aber sonst habe ich damit nicht viel am Hut. Das ist eher was für Menschen, die nach der Arbeit 20 Leute umballern wollen. Das könnte ich nicht. Wenn ich mich abreagieren muss, dann boxe ich lieber. Ich habe da einen entsprechenden Punchingball zu Hause. Aber nachdem Sie sicher auf die Videospielverfilmung „Assassin’s Creed“ anspielen – bei der habe ich deshalb zugesagt, weil ich den Regisseur und das Drehbuch toll fand.

Die kommt nun kurz nach Weihnachten heraus, obwohl es bei dem Fest um Liebe und Familie gehen sollte.

Und das ist ja auch das Wichtigste. Ich bin jemand, der Liebe sehr intensiv empfindet. Ich möchte meinem Partner absolut reine Gefühle geben – ohne Bedingung, jenseits aller Konventionen. Und meine Familie bedeutet mir natürlich extrem viel. Für sie würde ich richtig kämpfen. Letztlich erzählt aber auch „Assassin’s Creed“ eine Familiengeschichte, denn besonders der Held wird von seinen Vorfahren und Eltern geprägt, und er taucht dann in das Leben seines Ahnen ein.

Kennen Sie Ihren Stammbaum?

Leider nein, aber ich möchte den eines Tages unbedingt aufstellen lassen. Ich finde es total faszinierend, denn das erklärt sehr viel in deinem aktuellen Leben. Wenn ich so eine Apparatur wie im Film hätte, wo ich in die Haut meiner Vorfahren schlüpfen könnte, würde ich das sofort nutzen.

Zumindest erklärt die Biografie Ihrer Eltern, warum Sie Schauspielerin geworden sind. Denn beide hatten den gleichen Beruf, Ihr Vater gründete überdies eine Theatergruppe.

Das würde ich auch so sehen. Wobei das sogar noch weiter reicht. Meine Großmutter war Gärtnerin, aber sie liebte es, Geschichten zu erzählen. An ihren Geburtstagen und Familienfeiern hat sie immer kleine Shows veranstaltet. Es ist ziemlich klar, woher mein Vater dieses Talent hatte.

Ihre Familienfeiern liefen dann wohl harmonischer ab als das konfliktreiche Treffen, um das sich Ihr anderer aktueller Film dreht – „Einfach das Ende der Welt“ (ab 29. Dezember)

Das können Sie laut sagen. Aber am schönsten war es bei meinem Urgroßvater. Wenn sich die Familie versammelte, dann hatte er dieses Spiel, wo jeder grundlos draufloslachte. Alle saßen da und bogen sich vor Lachen, einfach so. Ein weiterer Beweis dafür, dass es in meiner Familie eine starke kreative Ader gibt.

Machen Sie dieses Spiel noch?

Nein, aber jedes Mal wenn ich mich daran erinnere, denke ich: Es wäre höchste Zeit, das wieder zu tun.

Die kreative Tradition setzen Sie und Ihr Lebensgefährte, der Regisseur und Schauspieler Guillaume Canet, jetzt fort. Wären Sie enttäuscht, wenn Ihre Kinder, von denen das zweite gerade im Anmarsch ist, mal bürgerliche Berufe ergreifen?

Das muss nicht heißen, dass sie Schauspieler werden. Einer meiner Brüder ist Maler und Bildhauer, der andere Schriftsteller. Deshalb glaube ich, dass meine Kinder auf jeden Fall was Kreatives werden. Wenn sie mal in einer Bank arbeiten wollen, dann habe ich irgendwie was falsch gemacht.

Sie sind ja mit Ihrer Hollywood-Karriere einschließlich Oscar ein leuchtendes Vorbild.

Aber ich hatte diese ganze Karriere nie erwartet. Als ich in meiner Jugend amerikanische Filme sah, begann ich davon zu träumen, Schauspielerin zu werden. Aber dass ich eines Tages in Hollywood drehe und mit einem Woody Allen, Leonardo DiCaprio oder Daniel Day-Lewis arbeite, wäre mir nie in die Sinn gekommen. Als Kind vergoss ich Tränen wegen eines kleinen Außerirdischen – wer hätte gedacht, dass ich einen Steven Spielberg treffen würde. Und dass ich seinerzeit die Rolle der Edith Piaf bekam, war ein purer Glücksfall. Regisseur Olivier Dahan war einfach verrückt genug, mir das zuzutrauen.

Und wie beeinflusst Sie Ihre Familie in Ihrem Job?

Ich stelle mein Berufsleben ganz auf sie ein. Ich werde für mein Baby wieder eine Pause machen, worauf ich mich freue. Und ich lehne Rollen ab, wenn die dazu führen würden, dass ich weniger Zeit für meine Lieben habe. Wenn ich während eines Drehs nicht auch Mutter sein kann, dann mache ich den Film nicht.

Ihr Sohn ist inzwischen fünf Jahre alt. Wurden Sie durch ihn auch zu einer besseren Schauspielerin?

Das ist schwer zu beurteilen. Ich kann nur sagen, dass ich, seit ich Mutter bin, noch emotionaler bin. Als ich ihn bekam, war das eine richtige Revolution für meine Gefühle. Ich empfinde viel stärker. Ich habe eine extreme Sensibilität gegenüber anderen Menschen, und das hat sich noch intensiviert. Zum Glück kann ich über meine eigenen Reaktionen lachen, das schafft eine gewisse Balance. Das Einzige, was er mir genommen hat, war Zeit zum Schlafen.

Wer so sensibel ist, der wird leicht verletzt ...

Sie sagen es. Als Mädchen dachte ich, die Menschen würden sich immer korrekt und folgerichtig verhalten. Doch dann merkte ich, dass dem nicht so war. Das nahm mir jede Freude am Leben. So fiel es mir total schwer, zu anderen normale Beziehungen aufzubauen. Ich hatte Angst, das Falsche zu sagen, dass die Leute schlecht von mir denken würden. Deshalb gab es eine Zeit, wo ich sehr einsam war. Dabei war in mir totale Unruhe! Es gab so viele Dinge, die ich loswerden wollte, doch ich hatte keine Ahnung, wie ich mich ausdrücken sollte. Erst die Schauspielerei half mir dabei. Dank ihr verstehe ich auch besser, wie Menschen ticken. Ich wüsste nicht, was ich ohne sie tun sollte.

Jetzt wirken Sie doch recht gesprächig.

Weil ich jetzt mit Interviews Übung habe. Als ich anfing, war es ein richtiger Albtraum, über mich selbst sprechen zu müssen. Schließlich ist das völlig merkwürdig, wenn einem fremde Menschen Fragen über private Dinge stellen. Aber inzwischen bin ich es gewohnt.

Hängt diese Gelassenheit auch mit Ihrem Sohn zusammen?

Vielleicht. Er ist mein kleiner Zen-Meister in diesem hektischen Leben.

Was heißt das genau? Ist er ein so ruhiges Kind?

Nein, aber Sie kennen doch das große Klischee, wie sich die Prioritäten ändern, wenn man ein Kind bekommt. Und es stimmt. Um dich herum kann ein Tornado wirbeln, aber du brauchst nur in die Augen deines Kleinen zu schauen, und alles andere relativiert sich total. Mein Sohn gibt mir die große Ruhe.

Bei wem finden Sie die sonst noch?

Grundsätzlich bei Menschen, die mir seelenverwandt sind.

Wie wissen Sie, wann ein Mensch dieses Kriterium erfüllt?

Das ist, wenn du jemand zum ersten Mal triffst und das Gefühl hast, dass du diese Person schon ewig kennst. Du nimmst diese Person in die Arme und du spürst, wie sich eure Energien auf eine Weise verbinden, die sich nicht erklären und in Worte fassen lässt. Das geht weit über Liebe hinaus.

Passiert das oft?

Nein, der Letzte, auf den das zutraf, war Regisseur Xavier Dolan, mit dem ich „Einfach das Ende der Welt“ drehte.

Das klingt so, als wären Sie spirituell interessiert?

Im weiteren Sinne ja. Aus diesem Bereich stammen einige meiner Vorbilder. Zum Beispiel mein Freund Pierre Rabhi, ein Landwirt und Philosoph, der sich sehr für das ökologische Gleichgewicht einsetzt. Oder Eckhart Tolle. Von ihm stammt der Bestseller „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“. Beide sind auch deshalb Vorbilder für mich, weil sie gar keine sein wollen – und weil sie ein harmonisches Leben führen.

Gibt es etwas, was Sie aus Ihrer harmonischen Stimmung reißt?

Die Benachteiligung von Frauen. Ich kann nicht begreifen, dass wir selbst heute noch um Gleichberechtigung kämpfen müssen. Was mich ebenso bestürzt, ist die Umweltzerstörung. Ich finde es absurd, dass die Menschen nicht auf die Umgebung, in der sie leben, achtgeben wollen.

Und was hat Sie für dieses Thema sensibilisiert?

Eines der wichtigsten Dinge, die mir meine Eltern beigebracht haben, war Respekt. Respekt vor meinen Mitmenschen. Und vor der Umwelt. Meine Großeltern waren Gärtner; die wären nie auf den Gedanken gekommen, Plastik und organische Abfälle in die gleiche Mülltonne zu werfen. Denn es ist Unsinn, auch wenn es den meisten Menschen egal ist. Ich wurde selbst auf dem Land groß, doch dann ging ich nach Paris, weil ich Schauspielerin werden wollte, und auf einmal fand ich mich in diesem ganzen Chaos wieder – überall Autos und überquellende Mülleimer. Ich konnte kaum atmen. Und so begann mein Kampf für die Umwelt. Wobei ich heute weniger von „Kampf“ sprechen würde. Es geht darum, bei den Menschen ein entsprechendes Bewusstsein zu schaffen.

Das heißt, wenn jemand von Ihren Seelenverwandten ein Umweltsünder ist, dann ist es vorbei mit der Beziehung?

Nein, ich finde es auch schön, wenn ich mit jemandem zusammen bin, der noch nicht weiß, was wir und unsere Welt durchmachen. Ich vermittle dann einfach meine Erkenntnisse. In kleinen Schritten zwar, aber nur so wird sich die Welt verändern.

Sie zeigen also gegenüber diesen Menschen endlose Geduld.

Es gibt Grenzen. Eine meiner Freundinnen, eine Make-up-Künstlerin, ist zum Beispiel ein fanatischer Fan des „Assassin’s Creed“-Spiels. Und ich habe ihr gleich gesagt: Du wirst bei diesem Film nicht mitmachen. Denn du wirst alle inhaltlichen Details des Films in deinen sozialen Netzwerken verraten, und ich werde dann gefeuert. Du darfst mich nicht mal beim Dreh besuchen. Und was hat sie gemacht? Sie ging mit mir aus und dann hat sie mich gezwungen, Alkohol zu trinken, damit ich ihr doch was verrate. Aber ich hielt dicht, und inzwischen habe ich ihr wieder verziehen.