Film

Sprünge durch alle Dimensionen: „Doctor Strange“

Jetzt zwängt sich auch Charaktermime Benedict Cumberbatch in ein Comic-Kostüm. Mit dem Film gelingt dem Marvel-Studio Ungeheures.

Marvel's DOCTOR STRANGE..Benedict Cumberbatch (Doctor Strange) on set. ..Photo Credit: Jay Maidment..©2016 Marvel.

Marvel's DOCTOR STRANGE..Benedict Cumberbatch (Doctor Strange) on set. ..Photo Credit: Jay Maidment..©2016 Marvel.

Foto: Jay Maidment..©2016 Marvel

Es ist das Gesetz der Kontinuität, das der Serie ihre Regelmäßigkeit vorschreibt. Früher nahm man brav jede Woche zur gleichen Zeit vorm Fernseher Platz, um sich die neuen Abenteuer der ans Herz gewachsenen Serienfiguren anzusehen.

Dieses fast aus der Mode gekommene Gefühl erlauben heutzutage die Marvel Studios ihrem Publikum, wenn alle halbe Jahre ein neuer Teil ihres Cinematic Universe im Kino startet, das in eben dieser Regelmäßigkeit abwechselnd bekannte Charaktere wiedervereint und neue Figuren einführt. Nach dem halben Klassentreffen „The Return of the First Avenger: Civil War“ im April ist mit „Doctor Strange“ nun wieder ein neuer Comic-Held an der Reihe, seinen Sprung auf die Leinwand zu wagen – und das gleich im doppelten Sinne.

Bei dem „seltsamen“ Doktor handelt es sich um den hochbegabten Neurochirurgen Stephen Strange, gespielt von dem britischen Charakterdarsteller Benedict Cumberbatch. Bei einem Autounfall wird das arrogante Genie so schwer verletzt, dass er seine begnadeten Hände nicht mehr benutzen kann. Auf der Suche nach Heilung reist er bis nach Nepal, doch was er hier findet, ist ein magischer Orden, der unter der Leitung der Ältesten (Tilda Swinton) die Welt vor mystischen Bedrohungen bewahrt. Eine solche ist der abtrünnige Magier Kaecilius (Mads Mikkelsen).

Eine der größten Stärken der Marvel-Filme – und eine der entscheidenden gegenüber der Konkurrenz DC und deren Totalausfällen „Batman v Superman“ und „Suicide Squad“ – war schon immer, dass sie ihre Superhelden mit genügend charakterlicher Tiefe versehen, um dem Überlebensgroßen mit ei-ner gewissen Erdung entgegenzuwirken: der Vaterkomplex von Iron Man, Hulks Angst vor sich selbst, Göttersohn Thors Familie, die einer Shakespeare-Tragödie entwachsen sein könnte.

Doch mit der Ursprungsgeschichte von Doctor Strange gelingt Regisseur Scott Derrickson für das Genre Außergewöhnliches. Im Stil eines zutiefst menschlichen Dramas verliert ein stolzer Gockel, was ihn am meisten auszeichnet. Der erfolgsverwöhnte Mann bricht komplett zusammen und verbarrikadiert sich nur noch mehr hinter seiner Arroganz. Gerade in diesen Szenen profitiert der Film von seinem Hauptdarsteller Cumberbatch.

Auf diese ausführliche Charakterisierung folgt die mehr oder weniger übliche Formel der Ausbildung, die diesmal das Erlernen magischer Kräfte für den Kampf und das Reisen durch diverse psychedelisch gefärbte Welten beinhaltet – bis zu dem Punkt, wo der einsichtige Held in der Lage ist, mit diesen Fähigkeiten das Böse zu bekämpfen. Leider bleibt sich Marvel auch hier treu und verschenkt den großartigen Mads Mikkelsen in einem wieder einmal viel zu schablonenhaft ausgefallenen Schurken.

Wie der die Welt vernichten will, setzt „Doctor Strange“ wiederum von anderen Marvel-Filmen ab. Die 3D-Action in Form von Sprüngen durch verschiedene Dimensionen und Kämpfen in einer sich surreal verändernden Umgebung sorgen für visuellen Bombast. Völlig neu ist das Gezeigte zwar nicht, treibt es doch die Ideen moderner Sci-Fi-Klassiker wie „Matrix“ oder „Inception“ nur konsequent weiter, doch beeindruckend ist es trotzdem allemal.

Letztendlich ist es eine weitere, schlichtweg notwendige Stärke einer langlebigen Serie, erfolgreiche Zutaten zu variieren, anstatt ständig neue hinzuzufügen. Und das bekommen im Kino zurzeit nur wenige so gut hin wie Marvel. Da fällt es in der Rückbetrachtung auch nicht allzu sehr ins Gewicht, dass „Doctor Strange“ sein Potenzial nicht ganz ausschöpft und stattdessen irgendwann in mystifizierten Kauderwelsch abdriftet. Oder wie die mächtige, von Tilda Swinton gespielte Magierin es selbst sagt: Nicht alles muss Sinn ergeben.