Filmkritik

„Die Wildente“: Geheimnisse mit Geoffrey Rush

Ein australischer Theaterregisseur legt einen skandinavischen Theaterklassiker neu auf: „Die Wildente“. Ein eindringlicher Film.

Christian (Paul Schneider, links) und Henry (Geoffrey Rush)

Christian (Paul Schneider, links) und Henry (Geoffrey Rush)

Foto: Mark Rogers/Arsenal Film / dpa

Die Wahrheit sei dem Menschen zumutbar, formulierte einmal die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, aber die Frage ist: wieviel Wahrheit? Darum kreist Henrik Ibsens 1884 verfasste Drama „Die Wildente“, das zu den bekanntesten Stücken der skandinavischen Dramatik zählt.

Und darum kreist auch dieser sehenswerte Film. Regisseur ist der 1984 in Basel geborene Simon Stone, der in Australien aufgewachsen ist. Seine Biografie – er ist inzwischen Australiens bekanntester Theaterregisseur – mag die Befürchtung aufkommen lassen, er würde das für die Bühne geschriebene Stück nicht angemessen in die Sprache des Films übersetzen können.

Doch dem ist überhaupt nicht so: Denn zum einen hat er mit Sam Neill, Miranda Otto und Geoffrey Rush ein ebenso hochkarätiges wie filmversiertes Ensemble versammeln können – Rush hat für seine Rolle als Pianist David Helfgott in „Shine“ sogar den Oscar erhalten. Und zum anderen weiß er die Macht der Bilder gut zu nutzen, um diese unheilvolle Geschichte zu erzählen – die er zudem auf überzeugende Weise in die Gegenwart verlegt.

Das, was niemand wissen darf

Die Wahrheit, die man Menschen zumuten kann: Das ist in diesem Fall ein Familiengeheimnis, über das beharrlich geschwiegen wird. Christian (Paul Schneider) kehrt nach vielen Jahren im Ausland in seine Heimat im australischen New South Wales zurück. Sein Vater (Geoffrey Rush) ist der Besitzer eines dort ansässigen Sägewerkes, das aus Rentabilitätsgründen schließen muss.

Christian ist in einer Lebenskrise. Seine Freundin will nicht mehr allzu viel von ihm wissen, und er hat ein Problem mit dem Alkohol. In diesem fragilen Zustand entdeckt etwas, das eigentlich niemand wissen darf – und dessen Offenbarung das Leben seiner besten Freunde vollständig zerstören könnte.

Christian in seinem Unglück maskiert seine Aufklärungsfreude idealistisch – alle müssten es erfahren, argumentiert er. Die Frage, ob ihm das überhaupt zusteht, stellt er sich nicht. Und so nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

Schön, eindringlich

Der Film hat nichts von der Steifheit, die filmische Bühnen-Adaptionen in ihrer Dialoglastigkeit manchmal aufweisen. Stone findet genau die richtigen Bildachsen und Einstellungswinkel, um das Familiendrama in Blicken, Gesten, verrutschten Gesichtern erfahrbar zu machen. Er weiß um den Einsatz von Symbolen – natürlich kommt die titelgebende Wildente im Film auch leibhaftig vor – , ohne sie überzustrapazieren.

Vor allem aber hat er nicht nur Stars für seinen Film rekrutieren können, sondern mit Odessa Young auch eine umwerfende Nachwuchsdarstellerin, die in der Rolle der Tochter zu sehen ist und mühelos neben den altgedienten Schauspielern zu bestehen vermag. Ein schöner, eindringlicher Film.