Film

Das Grauen, das uns verbindet: „Frantz“ von François Ozon

Wider Fremdenfeindlichkeit und Schwarzweißdenken: „Frantz“ ist trotz seines historischen Stoffes ein Film mit sehr aktuellen Themen

Wer ist der Fremde am Grab ihres Verlobten? Anna (Paula Beer) beobachtet Adrien (Pierre Niney)

Wer ist der Fremde am Grab ihres Verlobten? Anna (Paula Beer) beobachtet Adrien (Pierre Niney)

Foto: X Verleih

Es ist eine Krux, über diesen Film zu sprechen. Wer sich überraschen lassen will, der sollte am besten gar nicht weiterlesen. Dem muss genügen, dass Kultregisseur François Ozon einen neuen Film gedreht hat. Manche Filme aber lassen sich nicht erklären, nicht mal anreißen, wenn man nicht zumindest einen kleinen Fingerzeig gibt. Doch schon wer mit der Fingerkuppe winkt, geht eigentlich zu weit. Es ist wirklich eine Krux.

Beginnen wir ganz klassisch. Mit dem Anfang. Eine junge Witwe ist verwirrt. Eines Tages sieht Anna (Paula Beer, die für diesen Part beim Filmfestival von Venedig als beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet wurde) Blumen am Grab ihres gefallenen Verlobten. Am nächsten Tag steht ein junger Mann dort. Am übernächsten auch. Schließlich spricht sie den Fremden an. Und ist noch verwirrter. Es ist ein Franzose. Das ist, so kurz nach dem Ersten Weltkrieg, keine Selbstverständlichkeit. Ein Franzose gilt noch immer als Feind.

Der junge Fremde gibt sich als Adrien (Pierre Niney) aus. Und als Freund des toten Frantz, den er während dessen Studientagen in Paris kennengelernt hat. Die Witwe hört ihm gern zu, sie hatte ja nur so wenig Zeit mit ihrem Frantz, sie lernt durch den Fremden noch mal ganz andere Seiten von ihm kennen. Sie stellt ihn schließlich Frantzens Eltern vor. Das stößt auf Aufnahme und Ablehnung zugleich. Auch die Mutter des Toten freut sich, von ihrem Sohn reden zu hören. Während der Vater erst mal dicht macht. Aus Gewissensbissen, wie man später erfährt: denn er war es, der in seiner blinden Kriegsbegeisterung den Sohn an die Front gedrängt hat.

Auch sonst stößt der Fremde auf kollektive Ablehnung. Just in dem Hotel, in dem er wohnt, trinken die stramm nationalistisch gesinnten Herren des Orts ihr Stammtischbier. Allen voran Kreutz (Johann von Bülow), der trotz des Trauerjahrs schon um die Gunst von Anna buhlt und einen Nebenbuhler wittert.

Frankreichs Langzeit-Wunderkind François Ozon hat schon die unterschiedlichsten Genres bedient, von der schrillen Groteske bis zum üppigen Kostümfilm, und mit Lust so manche Tabugrenze überschritten. „Frantz“ ist nun sein erster Film, der in Deutschland gedreht wurde, auf Deutsch, und in dem der Franzose der Fremde ist. Das ist eine interessante Perspektive, denn natürlich hätte man das bei Ozon erst mal anders herum erwartet.

Wie man auch sonst vieles anders erwartet hätte. Man glaubt ja, wenn man die in geschlechtlicher Zuneigung ambivalenten Figuren Ozons kennt, schnell zu wissen, was es mit dem Geheimnis um den Fremden auf sich hat. Doch immer wieder schafft es Ozon, seine Fans zu überraschen. So auch diesmal.

Das tut er schon rein formal. „Frantz“ ist sein erster Film, den er mit seinem Dauerkameramann Pascal Marti in strengstem Schwarzweiß gedreht hat. Als trügen die Bilder einen Trauerflor, als hätte die Gegenwart alle Lust am Leben, an der Farbe verloren. Nur wenn dieser seltsam feinfühlige Adrien von seiner Freundschaft zu Frantz spricht, dann werden die wenigen Rückblenden plötzlich farbig, was wie ein Schock wirkt, und wenn Anna ihm zuhört, wird auch die Welt um sie herum bunt. Wenn auch nur kurz.

Damit hat Ozon aber auch eine Fährte gelegt. Die nämlich, dass diese bunten Szenen nicht so recht zu den schwarzweißen passen. Dass man diesen Bildern vielleicht nicht so ganz trauen kann. Dazu würde dann auch die falsche Schreibweise des abwesenden Titelhelden passen. Aber damit haben wir wahrscheinlich schon zu viel verraten.

So oder so ist „Frantz“ ein Drama über Krieg und Frieden, Schuld und Vergebung, über Vorurteile, Schwarzweißdenken und Fremdenfeindlichkeit. Und obschon er in tiefster Vergangenheit spielt, ist der Film damit auch ein hochaktueller Kommentar auf Konflikte unserer Gegenwart.