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Berufung versus Beruf: „Der Landarzt von Chaussy“

| Lesedauer: 3 Minuten
Thomas Abeltshauser
Die Wehwehchen der anderen: Sie sind Jean-Pierre (Francois Cluzet) wichtiger als sein Tumor

Die Wehwehchen der anderen: Sie sind Jean-Pierre (Francois Cluzet) wichtiger als sein Tumor

Foto: Alamode Film

Und wieder ein französisches Loblied aufs einfache Landleben: Ein Doktor kümmert sich um alle. Nur nicht um seinen eigenen Hirntumor.

Ein Schicksalsschlag wie dieser würde fast jeden aus der Fassung bringen. Doch nicht Jean-Pierre Werner (François Cluzet). In „Der Landarzt von Chaussy“ sitzt der Titelheld bei seinem Kollegen in der Praxis, diesmal ist er selbst der Patient. Und bekommt eine niederschmetternde Diagnose: Tumor in der linken Gehirnhälfte, nicht operabel.

Jean-Pierre nimmt das Todesurteil scheinbar gelassen auf, interessiert sich viel mehr für den Fleck auf dem Kittel des Arztes als für das tödliche Geschwür im eigenen Kopf. Sein Kollege versucht, ihm die nötigen nächsten Schritte zu erklären. Rückzug aus dem Beruf, Chemotherapie als lebensverlängernde Maßnahme.

Niemand ahnt von seinem Zustand

Kommt natürlich nicht in Frage! Deshalb reagiert Jean-Pierre, von Frankreichs Kinostar François Cluzet in ähnlich stoischem Gleichmut gespielt wie dessen querschnittsgelähmter Patient in der Erfolgskomödie „Ziemlich beste Freunde“, erst mal gar nicht. Er macht weiter, als sei nichts gewesen, besucht wie eh und je seine übers Land verteilten Patienten und kümmert sich aufopfernd um deren kleine Wehwehchen und Sorgen, die körperlichen wie die seelischen, statt um seinen wuchernden Tumor. Niemand in seinem Umfeld ahnt auch nur von seinem Zustand.

Selbst die Ärztin Nathalie Delezia (Marianne Denicourt) nicht, die eines Tages auftaucht, um ihn zu unterstützen. Geschickt hat sie der besorgte Kollege, ohne jedoch beiden die Situation erklärt zu haben. Widerwillig gibt Jean-Pierre der engagierten Anfängerin aus der Stadt eine Chance und kann dabei nur schwer Verantwortung abgeben. Bei den ersten Hausbesuchen lässt er sie nicht aus den Augen.

Doch Natalie beißt sich gegen alle Vorwände durch, lernt die Eigenheiten und Gebräuche der Landbewohner und gewinnt so Schritt für Schritt deren Vertrauen. Jean-Pierre reagiert darauf zunächst mit einer Mischung aus Herablassung und Rivalität, beginnt aber schließlich, seiner Aushilfe Freiheiten zu geben und Dinge zu überlassen.

Regisseur Thomas Lilti war selbst Arzt und hat bereits in dem Film „Hippocrate“ großen Wert auf die authentische Darstellung des Berufs gelegt. Es ist das Schöne an seinem neuen Film, dass er bewusst alle kitschigen Fernseh-Landarzt-Klischees umschifft und auch die sich langsam entwickelnde Annäherung zwischen Jean-Pierre und Nathalie nicht romantisch überfrachtet.

Plädoyer dafür, sich Zeit zu nehmen

Mit einer fast dokumentarischen Kamera unterwandert Lilti sowohl die Konventionen der Liebeskomödie als auch des Sterbedramas. Stattdessen konzentriert er sich auf den beruflichen Alltag und seine Anforderungen, zu denen Erste Hilfe und die Betreuung dementer Greise ebenso gehören wie leidige Papierarbeit. Die Gegenüberstellung der grundverschiedenen gegensätzlichen Ärzte ist letztlich ein Plädoyer dafür, Erfahrung nicht geringer zu schätzen als Ausbildung, sich Zeit zu nehmen und dass Zuhören mindestens so wichtig ist wie die richtige Medikation. Berufung versus Beruf.

Damit schrammt er allerdings nah am Banalen vorbei. Und so ganz klar wird nicht, was er darüber hinaus eigentlich erzählen will. Am Ende bleibt einem Jean-Pierres Schicksal fast ebenso egal, wie es sein stoischer Gesichtsausdruck bei ihm selbst vermuten lässt.