Film

Colin Firth zügelt Jude Law. Zumindest im Film „Genius“

Manchmal gehören zu einem Genie zwei: „Genius“ beleuchtet die Freundschaft des Literaten Thomas Wolfe zu seinem Lektor Max Perkins.

Streiten um jede Zeile: Jude Law als Thomas Wolfe (r.) und Colin Firth als Maxwell Perkins

Streiten um jede Zeile: Jude Law als Thomas Wolfe (r.) und Colin Firth als Maxwell Perkins

Foto: Marc Brenner/Pinewood Films / dpa

Lektoren leben oft im Verborgenen. Während ihre Autoren sich im besten Fall im öffentlichen Interesse sonnen, sind den meisten Lesern oft nicht einmal die Namen der Menschen bekannt, die doch einen gewichtigen Anteil haben am literarischen Erfolg eines Werkes: Nicht nur haben sie den Autor meistens entdeckt und gefördert, oft haben sie auch eingegriffen in den Text und seine Gestalt entscheidend mitgeformt. Und das heißt oft: Sie haben gekürzt.

Gordon Lish, der kongeniale Lektor von Raymond Carver, zählt zu den wenigen Lektoren, die den Schritt aus dem Schatten geschafft haben. An seine Seite stellt sich nun Max Perkins, der für seinen Verlag Scribner’s in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Autoren wie F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway oder Thomas Wolfe betreute.

Von seiner intensiven Beziehung zu letzterem handelt Michael Grandages Film „Genius“, der nur zu einem kleinen Teil von Literatur und zu einem sehr großen Teil von einer Männerfreundschaft handelt - worin zugleich seine Stärke wie seine Schwäche liegt.

Colin Firth präsentiert uns diesen Max Perkins als melancholischen, von seinem Erfolg leicht übersättigten Wohlstandsbürger, der mit seiner Frau Louise (Laura Linney) und fünf Töchtern in einem New Yorker Vorort lebt. Mit der Gewalt des hungrigen, ehrgeizigen Jungschriftstellers bricht nun Thomas Wolfe (Jude Law) in diese Welt ein, indem er in Perkins ein tausendseitiges Manuskript zuschickt, das schon so gut wie jeder andere Verlag in der Stadt abgelehnt hat. Perkins zeigt sich hingerissen von der Musikalität, in der Wolfe seine Geschichte erzählt. Er entscheidet sich für den Abdruck, will aber mit ihm den Text um ein Drittel kürzen.

Es ist der Beginn einer innigen Bindung. Der ältere Perkins erkennt in Wolfe den Sohn, den er nicht bekam - vor allem aber öffnet die lebenshungrige Kraft des Jüngeren für ihn ein Fenster in ein anderes Leben. Zugleich sieht er, wo die Wolfes literarische Vitalität in Selbstverliebtheit umschlägt und versucht ihn behutsam zu korrigieren - was wiederum zu Konflikten mit dem Autor führt.

Und das sind nicht die einzigen. Denn die beiden Frauen an der Seite der Männer – neben Perkins’ Frau Louise auch Wolfes Geliebte Aline Bernstein (Nicole Kidman) – spüren schnell, was zwischen diesen beiden Männern vorgeht; sie befürchten einen Verlust an Nähe und Loyalität. Auf diese Konstellation verlässt sich der Film dramaturgisch, und tatsächlich vermag er daraus für die ersten zwei Drittel hinreichend Spannung zu beziehen. Dann wird es etwas ermüdend.

Dass Regisseur Michael Grandage eigentlich vom Theater kommt, macht sich in einer enormen Dia- und auch Monologlastigkeit von „Genius“ bemerkbar. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn der hohe Sprechanteil seine Funktion nicht übererfüllen würde: Dass Thomas Wolfe in der Interpretation von Jude Law ein exaltierter, rhetorisch kaum zu bändigender Wasserfall ist, hat man nach einiger Zeit schon verstanden.

Fast erholsam nehmen sich dann die Szenen aus, in denen Max Perkins auf seine anderen Autoren trifft – Fitzgerald etwa, dem Guy Pearce eine angenehm soignierte Verzweiflung leiht, oder dem kernigen Ernest Hemingway (Dominic West), der für Wolfes Gefühlseskapaden nicht besonders viel übrig hat. Ihnen hätte man in diesem Film mehr Raum geben müssen – wie auch dem Thema im Leben all dieser Männer: der Literatur, der Möglichkeiten ihrer Produktion und der Frage, warum sie uns so ergreifen kann.

Dennoch ist das Wagnis zu loben, sich einem so handlungsarmen Stoff zu widmen – und einen Menschen bekannter zu machen, der mehr Bekanntheit verdient gehabt hätte. Das macht „Genius“ zu einem guten, wenn auch nicht zu einem großen Film.